Der hl. Apostel Paulus

Obwohl der hl. Apostel Paulus dem Zwölferkreis nicht angehörte und nie dem irdischen Jesus nachgefolgt ist, hat er mehr als alle anderen durch sein missionarisches Wirken das Christentum geprägt.[1] Weil seine Lebensgeschichte so vielschichtig ist und seine Briefe und seine Theologie so umfangreich sind, bräuchten wir mehrere Stunden, um das alles erfassen zu können. Mit dem geistlichen Impuls zum Nachdenken versuche ich euch Paulus eher als einen Menschen darzustellen, der sein ganzes Leben, nachdem er von Christus berufen wurde (Gal 1,15) bzw. sich zu Christus bekehrt hat (Apg 9,1-22), der Verkündigung des Evangeliums gewidmet hat. Es lohnt sich, wenn auch nur kurz, sich in das Leben des Paulus hineinzudenken. Versetzen wir uns in seine Lage in der damaligen Situation. Er wurde in der jüdischen Diaspora in Tarsus (300 000 Einwohner) zu Beginn des ersten Jahrhunderts geboren. Da seine Eltern sehr religiös und wohlhabend waren, ließen sie ihren Sohn zu Füßen Gamaliëls in Jerusalem unterweisen. Als erzogener Pharisäer und zugleich Christenfeind hat Paulus mit Eifer das Judentum verteidigt und seine Gegner verfolgt – und das im Bewusstsein, richtig zu handeln. Bei seiner Christusbegegnung, vermutlich um das Jahr 33, müsste er schon über 30 Jahre alt gewesen sein. Es ist für uns nicht einfach nachzuvollziehen, wir können es nur ahnen, wie einschneidend ein Ereignis im Leben eines Menschen sein muss, dass er sich um 180° wendet, also umkehrt und vom Christenverfolgerzum Apostel der Völker wird, dass er vom Bekämpfer des Christentums zu dessen Befürworter wird. Eine solch unmittelbare und vollständige Wende kann, nach unserem Verständnis, nur eine Gottesbegegnung, und hier eben die Begegnung mit dem auferstandenen Christus, bewirken; kein Mensch hätte es vermocht einen so willensstarken und zielstrebigen Menschen, wie Paulus von einem notwendigen Richtungswechsel zu überzeugen. Erst im Rückblick auf sein Leben wird ihm klar, dass er schon im Mutterleib auserwählt und durch Gottes Gnade zum Apostel der Heiden berufen wurde. Seine Eigenschaften, sein Eifer, seine Talente, seine breite Sichtweise, seine hohe Ausbildung, seine Kenntnis der Schrift zusammen mit der Gottes Gnade machten ihn zu einem besonders tauglichen Werkzeug Gottes, um das Evangelium zu verkünden und neue Gemeinden zu gründen. Als Nachfolger Christi begann er sein Wirken im nabatäischen Arabien, Syrien und Zilizien. Sein Fuß betrat den Boden Zyperns, Kleinasiens, Mazedoniens, Griechenlands und er plante eine große Missionsreise über Italien bis nach Spanien. Dann kam die Verhaftung mit Überstellung nach Rom. Auch dort verkündigte er das Evangelium, bis er in den sechziger Jahren von den Römern hingerichtet wurde. Paulus war ein Stadtmensch und deshalb waren ihm städtische Umgebungen und Lebensweisen vertrauter als ländliche. Große Metropolen wie Korinth (100 000 Einwohner) und Ephesus (200 000 Einwohner), aber auch kleinere Städte, boten eine gute Gelegenheit, möglichst viele Menschen zu erreichen, besonders dort, wo Christi Name noch nicht bekannt war (vgl. Röm 15,20; Gal 2,7). Von Vorteil waren natürlich gute Straßen, das Vorhandensein jüdischer Synagogen und die Kenntnis der griechischen Sprache.

Paulus hat fast 35 Jahre unaufhörlich den Auferstandenen verkündet. Er reiste sehr viel (2 Kor 11,26), große Strecken mit dem Schiff, kleinere zu Fuß. Im Durchschnitt schaffte er 30 km am Tag; in den Jahren 49-52, als er Syrien, Zilizien und Galatien besuchte und in Makedonien und Achaia missionierte, legte er rund 3.110 km zu Fuß zurück, eine enorme Leistung!

Paulus war auch ein guter Stratege, er plante seine Routen vor jeder Reise sehr genau und er war ein guter Taktiker vor Ort. Aber er arbeitete nie allein und ließ immer Raum für Gottes Fügung; er war kein Einzelkämpfer, sondern hatte mehrere Mitarbeiter und er ließ sich nie enttäuschen, auch nicht, wenn er z. B. von den Juden vertrieben oder von den Heiden nicht ernst genommen wurde. Auch seine Missverständnisse mit Petrus in sogenannten antiochenischen Zwischenfall (Gal 2,11-21) und die Heuchelei des Barnabas konnten seinen Optimismus nicht schwächen. Er vermochte andere zu begeistern, ja anzuzünden für Christus. Er stand auf eigenen Positionen und verkündete ein gesetzesfreies Evangelium. Er war auch ein guter Architekt (1 Kor 3,10), der nicht nur den Grundstein zur Gründung der Gemeinden legte, sondern sich auch ständig um sie sorgte. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er selbst als Zeltmacher bzw. Lederverarbeiter, um keinem zu Last zu fallen. Und bei aller Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit zeugt sein ganzes Leben auch von einer tiefen Gläubigkeit und Demut.

Fragen wir uns, ob die Biographie des Paulus die eines Durchschnittsmenschen ist, so werden wir vermutlich antworten: Ja und Nein. Ja: Weil jeder von uns genauso wie andere zur Welt kommt, weil man etwas lernt, eventuell studiert, weil man erwachsen wird und hoffentlich auch klüger und intelligenter, weil man arbeitet, weil man versucht möglichst viele gute Dinge zu tun und wenn der liebe Gott zu sich ruft, verlässt man diese Welt. Nein: In der Hinsicht auf sein Wirken, auf seine Lebensenergie, auf seinen Eifer und seine Beharrlichkeit war er doch kein Durchschnittsmensch. Wieviel ein Mensch im Leben schaffen kann, wenn er Gott Raum gibt, wenn er sich von ihm leiten lässt, wenn er ihm glaubt und vertraut und zielstrebig, treu und gleichzeitig demütig seinem Weg folgt, erkennen wir am Leben des Paulus. Wir haben zwar Christus nicht gesehen, dürfen ihn aber in der Kommunion empfangen; Christus wurde uns zwar nicht in einer Vision geoffenbart, wir erhalten aber jeden Tag seine Gnade. Christus hat Paulus zum Apostel berufen und er hat auch uns zu Aposteln, zu seinen Zeugen berufen. Das soll uns als Ansporn dienen, unser Leben und unsere Zielsetzung am Beispiel des hl. Paulus zu orientieren.


[1] Leider wissen wir sehr wenig über den Apostel Jakobus, den Sohn des Alphäus. Sein Name kommt zwar in Mk 3,18; Mt 10,3; Lk 6,15; Apg 1,13 vor, aber es sind nur Erwähnungen, die uns nicht weiter helfen können. Öfters wurde dieser Jakobus mit dem Jakobus dem Zebedäus identifiziert. Da es die Zeugnisse über den Jakobus, den Sohn des Alphäus sehr spärlich sind, habe ich mich entschieden das Leben und das missionarische Wirken des hl. Apostels Paulus auszuführen. Amen.

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