
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Im Sommersemester 2016 und im kommenden Wintersemester 2016-2017 wollen wir gemeinsam über die zwölf Apostel nachdenken, insbesondere im Hinblick auf ihre Berufung, ihre Beziehung zu Jesus, ihr Wirken, ihr Leben, ihr Ringen, ihr Scheitern und ihr Sterben. Der Lebensweg der Apostel soll auch uns in unserem geistlichen Leben zum Ansporn werden, um mit Christus in der Gemeinschaft (Communio) zu sein.
Geistliche Impulse zu den zwölf Aposteln[1]
Wahl der Apostel nach Lk 6,12-16
[1] Anstoß zu diesen meinen Überlegungen fand ich im Buch: Benedikt XVI., Folge mir nach! Die Apostel: Ermutigungen zur Nachfolge Jesu, Leipzig 2007.
Heute wollen wir über die Wahl der ersten Jünger Jesu nachdenken, die er auch Apostel nannte. Wer waren doch diese Apostel? Über deren Wahl lesen wir nicht nur bei Lukas, sondern bei anderen Synoptikern und bei Johannes jedoch mit anderen theologischen Akzenten. Bevor Jesus seine Apostel beruft, steigt er ähnlich wie Mose in Ex 32,30; 34,2 auf einen Berg auf, um zu beten. Immer wieder, wenn Jesus vor wichtigen Ereignissen seines irdischen Lebens steht, will er in eine besondere Beziehung zu seinem Vater treten. Sei es vor seinem Leiden oder eben vor der Wahl der Zwölf. Interessanterweise stellt Lukas diese Wahl der Zwölf nach einigen Streitfragen Jesu mit den Pharisäern und Schriftgelehrten dar, womit er andeuten will, dass das zwölf-Stämme-Volk mit Hilfe der zwölf Apostel wiederhergestellt werden soll. Dieses Volk manifestiert sich in der Kirche. Die Apostel werden mit den Aufgaben betraut, die Kirche Christi aufzubauen und zu leiten. Wenn Pfingsten als Geburtsstunde der Kirche gilt, so gehört die Berufung der Apostel zur Phase ihrer Empfängnis. Interessant ist auch, dass Jesus alle seine Jünger zu sich ruft, aber nur 12 auswählt und diese Apostel nennt. Also, alle Jünger sind in seine Nachfolge berufen, aber nur die Zwölf erhalten besondere Aufgaben. Jesus hat z.B. auch einen vornehmen reichen Mann (vgl. Lk 18,18-28) zu berufen versucht, er aber hatte keinen Mut, Ihm zu folgen. Dies alles gehört zur göttlichen Sphäre, bzw. wird aus Perspektive Jesu gesehen.
Aber schauen wir bitte auch auf die Lebenssituation dieser Zwölf. Sie hatten auch das Recht wie dieser Reiche, aus ihrem freien Willen heraus Nein zu sagen. Auf den ersten Blick erscheinen diese Apostel, ganz menschlich gesehen, als diejenigen, die sowieso nichts zu verlieren hatten und deswegen Jesus gefolgt sind. Wenn wir aber die Evangelien genauer lesen, erkennen wir, dass einige von ihnen nicht arm waren. Petrus, Andreas und deren Vater, sowie die Brüder Zabedäus waren Fischer. Sie hatten bestimmt einige Boote, Netze, vielleicht auch Bedienstete, die denen bei der Arbeit halfen. Sie hatten auch Familien. Im Vergleich zu den Tagelöhnern, die nichts besaßen, gehörten die Apostel zur sozialen Mittel-bzw. gehobenen Schicht der Gesellschaft. Man geht davon aus, dass sie, wenn auch nicht alle, das Umgangsgriechisch beherrschten. Levi-Matthäus war z.B. ein Zöllner, also besaß er eine hohe Position in der Gesellschaft. Heute würde man meinen, wie verrückt musste man gewesen sein, alles zu verlassen und SEINEM Wort zu glauben um von Fischern zu „Menschenfischern“ zu werden. Kardinale Entscheidung, mutige Entscheidung….
Erst nach der Entscheidung sendet Jesus die Apostel aus und bevollmächtigt sie das Evangelium zu verkünden, Dämonen auszutreiben und Kranken zu heilen. Die Zwölf bleiben aber mit Ihm verbunden und nach dem erfolgreichen Wirken kehren sie wieder zu Jesus zurück und geben Ihm einen Rechenschaftsbericht. Jesus nimmt sie beiseite und gebietet ihnen in Einsamkeit sich zu erholen, zu Ruhe zu kommen. Dieses Menschliche wird bei den Zwölf immer wieder erkennbar: Sie sind oft müde und erschöpft und können nicht im Gebet verharren, weil sie schlafen wollen; sie scheitern; einer verrät Ihn, der andere verleugnet Ihn und in Todesstunde fliehen alle vor Angst weg. Trotzdem werden die Apostel nicht verstoßen, sondern vom Auferstanden erneut gesammelt und ermuntert. Sie empfangen schließlich den Heiligen Geist, gehen in alle Welt, um Reich Gottes zu verkündigen und letztendlich bezeugen sie Christus mit dem eigenen Blut. Der Lebensprozess der Reife in der Schule Jesu; Menschen mit ihren Höhen und Tiefen, Stärken und Schwächen, aber sie blieben SEINE APOSTEL, SEINE JÜNGER und SEINE FREUNDE.
Auch wir wurden von Jesus gerufen, seine Jünger, bzw. Priester zu werden. Wir sind seinem Ruf gefolgt, sonst wären wir nicht ins Priesterseminar eingetreten. Die Frage ist nur, ob wir wirklich alles verlassen haben? Hier geht es in erster Linie nicht so sehr um die zum normalen Leben gehörenden materiellen Dinge, sondern vielmehr um das Verlassen des eigenen Egoismus, des Hochmuts und des Stolzes; also es geht um nicht das sich selbst Verachten, sondern um das sich Verleugnen. Für diese Entscheidung Jünger Christi zu werden, müssen wir später Rechenschaft ablegen. Waren wir gute oder schlechte Verwalter? Haben wir die Talente vermehrt, oder vielleicht das eine in der Erde vergraben. Das sind all die Dinge, die uns schon heute zum Nachdenken bringen müssen.
Vielleicht erkennen wir uns selbst in den Zwölf; unser Menschliches: unsere Schwächen und Tiefen, aber wir dürfen darüber nicht traurig sein, sondern uns freuen, denn die Gottes Gnade erweist sich nämlich in unserer Schwachheit als Kraft (vgl. 2 Kor 12,9). Und diese Gnade wird uns jedem geschenkt, um der Priesterberufung bis zum letzten Atemzug treu zu bleiben. Amen.