Die Anfänge der Diakonie: Vom Erzdiakon Stephanus bis zum Erzdiakon Laurentius

Viktor Emil Frankl (*1905 – † 1997) der berühmte Psychologe und Erfinder der Logotherapie stellt die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens und Daseins. In seinen Aufsätzen betont er immer wieder, dass der Sinn der menschlichen Existenz außerhalb des Menschen liegt. Der Mensch als Subjekt kann sich selbst nicht zum Objekt der Betrachtung machen. Der Mensch braucht etwas außerhalb von sich und wenn er in diesem seinen Sinn entdecken kann, findet er die Erfüllung seines Daseins. Frankl vergleicht dies mit einem Teleskop. „Mit dessen Hilfe lassen sich alle Planeten der Sonne beobachten, mit einer einzigen Ausnahme: Ausgenommen bleibt der Planet Erde selbst. Ähnlich ergeht es uns Menschen mit aller Erkenntnis: Alle Erkenntnis, ist an einen Standort gebunden. Wo jedoch der Standort des Menschen ist, kann kein anderer Gegenstand sein, und so kann denn auch das Subjekt nie in vollendeter Weise sein eigenes Objekt werden. […] Zum Wesen des Menschen gehören das Hingeordnet- und Ausgerichtetsein, sei es auf etwas, auf jemanden, oder auf eine Idee. Der Mensch [als Folge seiner Freiheit hat eine Verantwortung, auch für sich selbst und er] ist […] nicht da, um sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln: sondern er ist vorwiegend dazu da, um sich auszuliefern, sich preiszugeben, erkennend und liebend sich hinzugeben“.[1] Auch ein Bumerang ist für Frankl ein Beispiel, das das oben Gesagte noch besser auf den Punkt bringt. „Im Gegensatz zur irrtümlichen Annahme, der Bumerang kehre auf jeden Fall zum Jäger zurück, tut er es nur, wenn er das Ziel nicht erreicht, die Beute nicht getroffen hat. Genau so sind gerade die Menschen, die so sehr um Selbstverwirklichung bemüht und bekümmert, die auf der Suche nach Sinn frustriert auf sich selbst zurückkommen, sich auf sich selbst zurückbeugen, sich selbst »reflektieren« […].“[2]

Mit dieser kurzen Anleitung von einigen Zitaten von Frankl möchten wir im Folgenden in drei Schritten vorgehen. Zuerst betrachten wir die Texte aus Apostelgeschichte 6,1–8 und versuchen, daraus die Intention des Evangelisten Lukas zu erschließen – besonders im Hinblick auf unseren Dienst in der Kirche. Anschließend nehmen wir den 1. Timotheusbrief mit seinem Anforderungskatalog für das Amt des Diakons in den Blick. Drittens soll das Wirken und Leben des heiligen Erzdiakons Laurentius kurz beschrieben werden.

Frankl ist der Ansicht, dass der Mensch seinem Wesen nach auf etwas ausgerichtet und hingeordnet sein soll, das außerhalb seiner selbst liegt. In diesem Licht lässt sich auch der Dienst des Diakons verstehen: als ein Dienst, in dem er nicht sich selbst dient, sondern anderen – oder dem ANDEREN. Ein Dienst am Wort, am Altar und an der Liebe.

Wie aber verstand die erste Gemeinde diesen Dienst? Dazu werfen wir einen Blick in die Apostelgeschichte.

Die Wahl der Sieben

1 In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, murrten die Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung (ἐν τῇ διακονίᾳ) übersehen wurden. 2 Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen (διακονεῖν τραπέζαις) widmen. 3 Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit (μαρτυρουμένους ἑπτά, πλήρεις πνεύματος καὶ σοφίας) ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. 4 Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. 5 Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist (πλήρης πίστεως καὶ πνεύματος ἁγίου), ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. 6 Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer; auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an.

Wer waren also diese sieben Männer? Diakone? Welchen Sinn erfüllten sie in der Gemeinde? Doch bevor auf diese Fragen eingegangen wird, wollen wir in aller Kürze einen Blick auf die historische Situation werfen. Im frühen Christentum wird das Wort „dienen“ mit großer Freude aufgenommen. Schon die ältesten Schriften – die vier Evangelien, die Paulusbriefe und der 1. Petrusbrief – sprechen davon. Das zeigt, wie stark die ersten Christen auf soziale Fragen und auf die Bedürfnisse von armen oder schwachen Menschen achteten. Im älteren Judentum – auch im griechisch-sprachigen – war dieser Begriff noch nicht üblich. Dass er im Neuen Testament erscheint, zeigt also den Übergang des Christentums in die griechisch-sprachige Welt.

Nach dem Markusevangelium wird das Prinzip des Dienens sogar zum Maßstab für Aufgaben in der Gemeinde: „Wer der Erste sein will, soll der Diener aller sein“ (Mk 10,43–45). Auch die Apostelgeschichte (Apg 6) greift diese Idee auf. Lukas betont, dass die Diakonie – also der praktische Dienst – eng mit den zwölf Aposteln verbunden ist. Damit spricht er auch die heidenchristlichen Gemeinden an, denen praktische Hilfe besonders wichtig war. Durch seinen Bericht gibt Lukas diesen sozialen Bemühungen große Bedeutung und Anerkennung.

Wie andere Autoren des Neuen Testaments verknüpft Lukas den sozialen Dienst eng mit dem Wirken des Heiligen Geistes. Gerade dort, wo stark von himmlischen oder geistlichen Dingen gesprochen wird, steht zugleich die menschliche Not im Mittelpunkt. Heiliger Geist, Gnade und geistliche Gaben sind im frühen Christentum eng mit sozialem Engagement verbunden. Ein Blick in 1 Petr 4 und 1 Kor 12 zeigt: Nach Apg 6 ist der Heilige Geist die Grundlage für alle Dienste – für die Zwölf in Apg 2 und auch für die Sieben in Apg 6,2. Nach Apg 6 gibt es zwei Formen des Dienstes: Dienst an den Tischen (Versorgung der Armen) und Dienst am Wort Gottes (Gebet und Verkündigung)

Beides ist Diakonie, verstanden als Dienst innerhalb einer vom Geist erfüllten Gemeinschaft. Auch 1. Kor 12 betont Paulus zuerst die Gabe des Heiligen Geistes und spricht ebenfalls von „Diakonie“. Zusätzlich verwendet er das Wort „Charisma“ für alle geistlichen Gaben. An erster Stelle stehen dort die Gaben des Wortes (Weisheit und Erkenntnis), was wiederum gut zu Apg 6 passt. Auffällig ist jedoch, dass soziale Dienste wie die Versorgung der Armen in 1 Kor 12 nicht genannt werden. Vielleicht gab es in Korinth keine geregelte Armenfürsorge – was die Probleme in 1 Kor 11 erklären könnte.

Die neue Erzählung in Apg 6 beginnt mit einer interessanten Information über die frühe Gemeinde in Jerusalem. Es gab also zwei Gruppen von Christen nebeneinander – die „Hebräer“ und die „Hellenisten“. Diese Begriffe beschreiben sowohl Sprache als auch Herkunft:

  • „Hebräer“ waren Juden aus Judäa, deren Muttersprache Hebräisch oder Aramäisch war. Auch Paulus beherrschte diese Sprachen (vgl. Apg 22,2; 2 Kor 11,22; Phil 3,5).
  • „Hellenisten“ hingegen waren Juden aus der griechisch-sprachigen Welt des Mittelmeerraums, also aus der Diaspora.

Bei den Hellenisten könnte es sich um Rückkehrer gehandelt haben, die sich in Jerusalem niedergelassen hatten, oder um Pilger, die nach dem Passahfest noch nicht wieder in ihre Heimat zurückgereist waren. In Apg 6,9 erwähnt Lukas sogar eine Synagoge speziell für griechisch-sprachige Juden. Schon in Apg 2,5 hatte er darauf hingewiesen, dass in Jerusalem nicht nur Einheimische lebten, sondern auch viele Menschen aus der Diaspora. Im westlichen Mittelmeerraum wurde damals die griechische Alltagssprache, die sogenannte Koiné, gesprochen. Die junge christliche Gemeinde bestand nicht nur aus Menschen aus kleinen galiläischen Orten, die Jesus nach Jerusalem gefolgt waren. Sie umfasste auch welterfahrene Stadtmenschen (vgl. Apg 4,36; 6,5). Obwohl die Gemeinde als ein Herz und eine Seele (Apg 4,32) beschrieben wird, bleibt sie von Krisen und Problemen keineswegs verschont. Nach den Betrug von Hanania und Saphira und dem Tod der beiden wartet schon die nächste Herausforderung, auf die dringend reagiert werden muss: die Fürsorge für Bedürftige: Die alleinstehenden Frauen der Hellenisten scheinen bei der täglichen Unterstützung benachteiligt worden zu sein.

Wer sind die „Witwen“? Das griechische Wort chēra (αἱ χῆραι αὐτῶν ihre Witwen) bedeutet nicht nur eine Frau, deren Mann gestorben ist. Es kann auch eine Frau bezeichnen, die von ihrem Mann verlassen wurde oder aus anderen Gründen allein lebt. Dazu könnten auch Frauen gehören, die – wie manche Jüngerinnen – wegen ihrer Nachfolge Jesu die Familie verlassen hatten. In der damaligen Gesellschaft hatten alleinstehende Frauen praktisch keinen Schutz und kaum Möglichkeiten, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Deshalb waren sie besonders auf Hilfe angewiesen. Oft wird angenommen, dass diese Frauen tatsächlich schlechter behandelt wurden. Die Konjunktion hóti kann „weil“ oder auch „dass“ bedeuten. Vielleicht berichtet Lukas also nur von einer Beschwerde der Hellenisten – nicht von einem tatsächlichen Fehlverhalten. Das Wort „murren“ zeigt jedoch deutlich, dass es eine Vertrauenskrise zwischen den beiden Gruppen gab. Die Unterstützung alleinstehender Frauen passte zur jüdischen Armenfürsorge der damaligen Zeit. Auch die Einsetzung von Personen, die sich speziell um die Armen kümmern, war im Judentum üblich. Es gab zum Beispiel eine „Wochenkasse“, aus der Bedürftige regelmäßig Geld oder Lebensmittel bekamen. Es könnte sein, dass die hellenistischen Frauen deshalb benachteiligt wurden, weil man sie wie Reisende behandelte. Das rabbinische Recht sah nämlich vor:

  • Ortsansässige Arme bekamen eine Unterstützung für eine ganze Woche.
  • Fremde Arme erhielten nur eine Tagesration in Form von Lebensmitteln.

Vielleicht wurden die hellenistischen Witwen deshalb nicht genauso versorgt wie die einheimischen Frauen. Ihnen geschah offenbar Unrecht. Die Art und Weise, wie die Apostel auf dieses Unrecht reagieren, zeigt den Ernst dieser Situation. Es ist das einzige Mal nach Apg 1,15–26, dass der vollständige Zwölferkreis noch einmal in Apg 6 gemeinsam handelt – und zwar, um eine Versammlung der ganzen Gemeinde einzuberufen. Die Botschaft der Zwölf lautet sinngemäß: Dieser Konflikt überfordert uns. Wenn wir uns darum kümmern müssen, kommen unsere eigentlichen Aufgaben – Gebet und Verkündigung – zu kurz und sie führen ein völlig neues Amt durch die Wahl, Gebet und Handauflegung ein. Die Zwölf beauftragen sieben Männer, deren Namen alle hellenistisch sind; Männer, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen sollen. Erstens sollen die Sieben von gutem Zeugnis (unbescholten) sein. Zweitens: Es sollten Männer voll Geist (πνεύματος) und Weisheit (σοφία) sein. Und in V.5 wird von Stephanus berichtet, er sei ein Mann „voll Glauben und voll heiligem Geist“. Das sind Eigenschaften, die nicht unbedingt nötig sind, um die Essenstische zu decken, Lebensmittel zu verteilen oder Küchendienste wahrzunehmen. Als Beweis dafür ist Philippus aus der Siebenzahl, der laut Apg 8,5 in der Hauptstadt Samariens Christus verkündet. Wer waren also diese sieben Männer? Aller Wahrscheinlichkeit meint der „Dienst an den Tischen“ des Siebenkreises anderes als nur das Austeilen von Essen. Dafür sprechen nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten voll „Geist und Weisheit“, sondern auch Glauben und hl. Geist. Im damaligen Griechisch konnte „Tisch“ auch eine Geldbank oder Kasse bedeuten. Das zeigt zum Beispiel Jesu Ausspruch in Lk 19,23: „Warum hast du mein Geld nicht zur Bank (wörtlich: zum Tisch: ἐπὶ τράπεζαν) gebracht?“

Deshalb ist mit dem „Dienst an den Tischen“ wohl eher die Verwaltung von Geld gemeint sein, so wie es bei einem Finanzausschuss der Fall ist. Die Sieben sollten die eingehenden Spenden entgegennehmen, ihre Weitergabe an Bedürftige organisieren und die korrekte Verteilung überwachen. Im Licht der rabbinischen Regeln könnte es jedoch einen praktischen Grund gegeben haben: Die Unterstützung der hellenistischen Frauen sollte möglicherweise von täglicher Lebensmittelhilfe auf wöchentliche Geldauszahlungen umgestellt werden. Dafür braucht man eine neue Gruppe Verantwortlicher, die der griechischen Sprache mächtig sind und auf die Bedürfnisse der hellenistischen Frauen eingehen und sich die Organisation der Zahlungen kümmern.

Wenn also diese sieben Männer in der Gemeinde die große und hohe Verantwortung hatten, mit gutem Lebenszeugnis, Glauben, Weisheit und erfüllt vom Heiligen Geist den Bedürftigen dienlich zu sein, dann lohnt es sich auf einen anderen Text in 1 Tim 3 zu schauen, der einige Jahrzehnte später verfasst wurde und uns noch mehr Auskunft darüber geben kann.

1. Timotheusbrief: Spiegelkatalog

8 Ebenso müssen Diakone sein: a) ehrbar, b) nicht doppelzüngig, c) nicht dem Wein ergeben d) und nicht gewinnsüchtig;  9 sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten.  10 Auch soll man sie vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben.  11 Ebenso müssen Frauen: a) ehrbar sein, b) nicht verleumderisch, c) sondern nüchtern d) und in allem zuverlässig.  12 Diakone sollen Männer einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen. 13 Denn wer seinen Dienst gut versieht, erlangt einen hohen Rang und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus. 

Denkt man an die Beauftragung an den Tischen in Apg 6, und dass diese mit Finanzen und gerechtem Aufteilen zu tun hatte,  hilft dies den Text im 1. Timotheusbrief[3] besser zu verstehen, denn er ergänzt einfach  die Voraussetzungen  und Anforderungen an einen Diakon. In dieser Zeit kristallisiert sich das  Verständnis für das Amt des Bischofs und des Diakons heraus die beide auch in der Gemeinde von Phillipi eine Führungsrolle spielen (Phil 1,1). Paulus grüßt ja zusammen mit den dortigen Christen ausdrücklich die beiden Gruppen der Episkopen und der Diakone.

Betrachtet man den Text in 1 Tim 3 genauer, könnte die Frage auftreten, wer in V.11 mit dem Begriff „Frauen“ gemeint ist? Wahrscheinlich denkt der Verfasser an die Ehefrauen[4] der Diakone, die ehrbar, nicht verleumderisch, nüchtern und in allem zuverlässig sein sollen, um ihre Männer in ihrem Dienst zu unterstützen. Auffällig ist auch, dass sowohl Diakonen als auch Frauen mit jeweils vier fast identischen Anforderungen beschrieben werden, die eher nach außen ausgerichtet sind und von der Gemeinde wahrgenommen werden können. Den Diakonen wird aber noch eine spezifisch innere Forderung hervorgehoben: Sie sollen nämlich mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten (τὸ μυστήριον τῆς πίστεως ἐν καθαρᾷ συνειδήσει). Sowohl Apostelgeschichte als auch 1. Tim lassen schließen, dass die Handauflegung und das Gebet über den von der Gemeinde ausgewählten Männer den Besitz bestimmter charakterlicher Fähigkeiten und die Ausstattung mit Charisma voraussetzen.

Gutes Lebenszeugnis, Glauben, Gabe des Hl. Geistes, rechte Einstellung zum Dienst, Weisheit, Ehrbarkeit, Aufrichtigkeit, Nüchternheit, Selbstlosigkeit, guter Ehemann, Familienvater und Hausvorsteher sind die Voraussetzungen für einen Dienst in der Kirche, um an beiden Tischen zu dienen: am Altar und am Tisch für die Armen. Wie die Kirche in Jerusalem sieben Männer zum Dienst an den Tischen und zum Dienst am Wort Gottes beruft, an deren Spitze der heilige Stephanus steht, so erfahren wir später auch von den sieben Diakonen Roms, an deren Spitze der heilige Laurentius steht. Auf ihn soll im Folgenden in aller Kürze eingegangen werden.

Erzdiakon Laurentius – römischer Märtyrer und Armenfürsorger[5]

Dass die Diakone im Sozialwesen engagiert und für finanzielle Angelegenheiten verantwortlich waren, zeigt auch der Erzdiakon Laurentius, der an der Spitze der sieben Diakone Roms stand und am 10. August 258 zur Zeit des Papstes Sixtus II. und als Märtyrer unter Kaiser Valerian in Rom starb. Der Kaiser forderte von Laurentius die Herausgabe der „Schätze der Kirche“ und setzte ihm eine Frist von drei Tagen. Laurentius beeilte sich, das Hab und Gut der Kirche an Arme, Kranke und Ausgestoßene  zu verteilen, die er dem Kaiser dann als „die wahren Schätze der Kirche“ präsentierte. In Rom also war der Diakon Laurentius für Sozialarbeit und die Finanzen der römischen Christengemeinde verantwortlich. Seine erste Sorge galt stets den Bedürftigen, Witwen und Waisen.

Eine kurze Anmerkung zum Gedächtnistag des Märtyrers, der laut dem „Depositio Martyrum“ aus dem Jahr 354 erwähnt hierzu folgendes: „Laurentius, der berühmte Diakon der Römischen Kirche, bestätigte mit seinem Martyrium unter Valerianus (258) – vier Tage nach der Enthauptung des Papstes Sixtus II – seinen Dienst im Namen der Barmherzigkeit. Laut Überlieferung, die bereits im 4. Jh. verbreitet war, nahm er tapfer ein grausames Martyrium auf dem glühenden Rost auf sich, nachdem er die Güter der Gemeinschaft unter den Armen verteilt hatte, welche er als wahre Schätze der Kirche bezeichnete […].“ Was das Martyrium des Diakons Laurentius betrifft, haben wir die überaus lehrreiche Zeugenaussage von Ambrosius (†397) in der Schrift De Officiis (1 41,205-207). Er erzählt zuerst ausführlich über die Begegnung und das Gespräch zwischen Laurentius und dem Papst, die als Gebet formuliert ist und die Christen seinerzeit zur Nachfolge und Sorge um die Armen ermutigen soll.

„[…] Als der Heilige Laurentius seinen Oberhirten Sixtus zum Martyrium geführt sah, begann er zu weinen, aber nicht, weil er dem Tode entgegengeführt wurde, sondern weil er ihm überleben sollte. Er rief ihm daher laut nach: Wo gehst du hin, oh Vater, ohne deinen Sohn? Wo eilst du hin, heiliger Bischof, ohne deinen Diakon? Du hast doch nie das Messopfer ohne Diener gefeiert. Was hat dir also an mir missfallen, oh Vater? Hast du mich vielleicht für unwürdig befunden? Kontrolliere doch wenigstens, ob du einen geeigneten Diener gewählt hast. Willst du nicht, dass derjenige, dem du das Blut Christi anvertraut hast, derjenige, den du an der Feier der heiligen Geheimnisse hast teilnehmen lassen, sein Blut gemeinsam mit dir vergießt? Pass auf, dass deine Erkenntnis nicht nachlässt, während deine Kraft und Stärke gerühmt werden. Die Verachtung des Schülers schadet auch dem Lehrer. Muss ich dich daran erinnern, dass die großen und berühmten Männer ihre Siege eher durch die siegreichen Leistungen ihrer Schüler erreichen als durch ihre eigenen? […] So offenbare auch du, oh Vater, deine Tugend durch deinen Sohn; biete denjenigen, den du erzogen hast, mit sicherem Urteil an, um den ewigen Lohn in glorreicher Gesellschaft zu erlangen. Da antwortete ihm Sixtus: Ich lasse dich nicht allein, ich verlasse dich nicht, mein Sohn; doch stehen dir die härtesten Prüfungen bevor. Uns Alten ist ein leichterer Wettlauf zugewiesen worden; dir hingegen, der du jung bist, ist ein glorreicherer Triumph über den Tyrannen bestimmt. Bald wirst auch du kommen, hör auf zu weinen: in drei Tagen wirst du mir nachfolgen. Zwischen einem Bischof und einem Leviten ziemt sich ein zeitlicher Abstand. Es wäre deiner nicht würdig gewesen, unter der Führung des Lehrers zu siegen, gerade so als ob du Hilfe suchtest. Warum bittest du darum, mein Martyrium zu teilen? Ich hinterlasse dir die gesamte Erbschaft. Wieso verlangst du meine Anwesenheit? Die noch schwachen Schüler eilen dem Lehrer voran, die bereits starken, die keine Belehrungen mehr brauchen, folgen ihm nach, um ohne ihn zu siegen. So verließ auch Elias Eliseus. Ich vertraue dir die Nachfolge meiner Tugend an.“ [6]

Das Lebenszeugnis und Martyrium der Diakone Stephanus und Laurentius veranlassten auch den Papst Leo XIV. beim Apostolischen Schreiben „ÜBER DIE LIEBE ZU DEN ARMEN“ darauf näher einzugehen, in dem der Papst die besondere Rolle und Auftrag für die Christen von heute sieht (vgl. 37f.): „Die christliche Liebe überwindet alle Schranken, bringt Fernstehende einander nahe, verbindet Fremde, macht Feinde zu Vertrauten, überwindet menschlich unüberwindbare Abgründe und gelangt in die verborgensten Winkel der Gesellschaft. Die christliche Liebe ist ihrem Wesen nach prophetisch, sie vollbringt Wunder, sie kennt keine Grenzen: Sie ist für das Unmögliche da. Die Liebe ist vor allem eine Art Lebenskonzept, eine Lebensweise. Eine Kirche, die der Liebe keine Grenzen setzt, die keine zu bekämpfenden Feinde kennt, sondern nur Männer und Frauen, die es zu lieben gilt, das ist die Kirche, die die Welt heute braucht.“[7]

„Sowohl durch eure Arbeit als auch durch euren Einsatz für die Veränderung ungerechter sozialer Strukturen als auch durch eine solch einfache, sehr persönliche und unmittelbare Geste der Hilfe wird jener Arme spüren können, dass die Worte Jesu ihm gelten: »Ich [habe] dir meine Liebe zugewandt« (Offb 3,9).“[8]

Die Liebe ist also das Maß für unseren Dienst in der Gemeinde, die Liebe ist das Maß unseres Dienstes auch in den Familien als Ehemänner und Familienväter. In der Liebe zu anderen und im Dienst an den Nächsten findet jeder von uns vielleicht auch den Sinn seines Lebens, seine Aufgabe und Verantwortung. In Liebe und im Dienst hat unser Lebensbumerang ein Ziel nicht nur hier auf Erde, sondern auch in Ewigkeit beim Herrn. Damit in dem einen oder anderen Bereich unsere Liebe nicht zu kurz kommt, bedarf es  unserer innerer Einstellung und des geistlichen Umgangs mit der Wirklichkeit. Es bedarf der Prioritäten, die vom Glauben her, überzeugend und klug gesetzt werden müssen.

Literatur:

K. Berger, Kommentar zum Neuen Testament, München 22012, hier 434ff.

L. Oberlinner, Die Pastoralbriefe 2/1 (HThKNT XI), Freiburg 1994, hier 131-150.

V. E. Frankl, Wer ein warum zu leben hat, Weinheim 62024.

Ch. Wessely, Gekommen, um zu dienen. Der Diakonat aus fundamentaltheologisch-ekklesiologischer Sicht, Regensburg 2004.

M. Schneider, Der Dienst des Diakons, Köln 2010.


[1] V. E. Frankl, 252f.

[2] Ebd., 214.

[3] Vgl. auch Titus 2,3-5.

[4] Zu Diskussion vgl. Ch. Wessely, Gekommen, um zu dienen. Der Diakonat aus Fundamental-theologische-ekklesiologischer Sicht, Regensburg 2004, 323-330.

[5] Vgl. https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cclergy/documents/rc_con_cclergy_doc_19022000_hlau_ge.html

[6] Ambrosius, De Officiis (Kap. 41, Nr. 205-206).

[7] Leo XIV., Über die Liebe zu den Armen, 120.

[8] Ebd., 121.