
Als ich vor etlichen Jahren meine Ferienbeschäftigung ausgeübt habe, war das für mich nicht nur eine Gutschrift auf dem Konto am Ende des Monats, sondern es waren auch wertvolle Erfahrungen, die ich in verschiedenen Firmen mit unterschiedlichen Menschen sammeln durfte. Manche nannten mich, da sie ja wussten, wo und was ich studiere, „Herr Pfarrer“ mit einer gewissen Achtung auf Hinblick auf meinen künftigen Dienst als Priester, bei manchen aber klang dieses „Herr Pfarrer“ mit einem Unterton – irgendwo zwischen Skepsis und höflicher Distanz. Aber selbst diese letzte Nebelwand löste sich meist nach ein paar Pausengesprächen über Leberkässemmel und Thermoskanne auf. Einige aßen ihre Brotzeit schweigend, einige wollten die ganze Aufmerksamkeit vom Arbeitsteam auf sich ziehen, einige mieden jede Versammlung. Bei vielen angesprochenen Themen, auch hinsichtlich meines „Pfarrerjobs“, künftiger Pfarrer, der gleichzeitig Ehemann und Familienvater ist, gab es keine Hürden und Grenzen. Damals als Theologiestudent und Seminarist was es für mich spannend zu hören, was die Menschen interessiert und bewegt und wo ihre Prioritäten liegen, doch ganz anders als ich es in Hörsälen zu hören gewöhnt war. Deshalb rate ich heute, als Spiritual, jedem Seminaristen, in diese Welt einzutauchen. Ein Thema, das alle interessierte und bei dem alle engagiert mitredeten war und ist sicherlich auch heute noch – der Urlaub: eine Zeit der Erholung und Nicht-zur-Arbeit-Gehen. Fast alle, wie auch ich, freuten sich, wie Kinder auf die Sommerferien, auf diese Zeit. Man sprach mit Begeisterung über all das, was noch vor etwa einem Jahr geplant, gebucht und reserviert wurde. Man zeigte sogar die Fotos und Videos auf Youtube von dem Erholungsort. Die beste Freude ist die Vorfreude pflegt man hierzulande zu sagen. Das ganze Kalenderjahr dreht sich in Berufsleben vieler Menschen um den Urlaub: Ab Weihnachten etwa wird geplant und gesucht, man wartet sehnsüchtig auf diese „Freizeit“. Schließlich kommt er, der Urlaub. Und mit ihm auch der Stress. Die Autobahn ist voll, der Zug hat Verspätung, das Hotel ist doch nicht so „wie auf den Bildern“ und WLAN gibt’s auch keins. Die lange ersehnte Erholung verfliegt manchmal schneller als der Rückflug. Statt aufzutanken, ist man damit beschäftigt, möglichst perfekte Urlaubsbilder für Instagram zu schießen und alle E-Mails im Pool zu beantworten. Und wenn man dann aus dem Urlaub zurückkommt, erzählt man in der Pausenstube wieder davon, jetzt schon vom nächsten Urlaub träumend, der noch in weiter Ferne liegt.
Damit Urlaub nicht zur Projektarbeit mit Sonnencreme wird, sondern wirklich Erholung für Leib und Seele bringt, lohnt es sich einen Blick auf Jesus Christus zu werfen. Er war nicht nur Gottes Sohn, sondern auch ganz Mensch: Er kannte Müdigkeit, Hitze, Hunger, Freude und Tränen. Von ihm kann man am besten lernen, wie man sich richtig erholt.
Sehr oft ergeht es uns allen ähnlich wie den Aposteln, die Jesus alles berichten, was sie gelernt und getan haben. Nach der anstrengenden Arbeit kommen sie müde und erschöpft, zu ihrem Meister zurück und versammeln sich um ihn. Dann sagt Jesus folgende Worte zu ihnen, die an Aktualität und Bedeutung bis heute nichts verloren haben: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!“ Mk 6,30. Einsamer Ort als Ort der besonderen Nähe mit Jesus und zugleich als Ort der Erholung. Für beides, das Gebet und die Erholung, sucht Jesus die Einsamkeit auf, auch zusammen mit den Jüngern: Sei es ein Berg oder eine Bootfahrt auf dem See Genezareth. Berge sind gute Orte für Auszeiten. Hoch oben hat man das Gefühl, über den Dingen zu stehen und auch Gott nahe zu kommen. Aber auch das Wasser hat in anstrengenden und heißen Jahreszeiten eine Anziehungskraft und kann Erholung, Erfrischung und Ruhe bringen: Berge und Seen dienen Jesus als Orte der Erholung. „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Jesus auf einen Berg ging, um zu beten“ (Lk 6,12). „Jesus zog sich allein von dort mit dem Boot in eine einsame Gegend zurück.“ (Mt. 14,13)
Aber was ist dann, wenn wir nirgendswo zum Wasser oder in die Berge verreisen können? Da hilft vielleicht eine Empfehlung von hl. Cyprian von Karthago an seinen Freund Donatus, an einem idyllischen Ruheplätzchen im Garten (oder in der naheliegenden Natur) sich hinzusetzen und auszuruhen.
„[…] es ist auch gerade die jetzige Zeit ganz besonders geeignet, es zu erfüllen, da jetzt, dank der Weinlese, der Geist, aller Sorgen ledig, sich seiner Erholung widmen und nach den Mühen des Jahres die übliche, regelmäßig wiederkehrende Ruhe genießen darf. Auch der Ort stimmt mit der Zeit zusammen, und […] vereinigt sich der liebliche Anblick der Gärten, um unsere Sinne zu erquicken und zu erfreuen. Wie angenehm läßt sich hier plaudernd den Tag verbringen und in ernsten Gesprächen unser Herz zur Kenntnis der göttlichen Gebote hinleiten!“[1] Ein Verweilen im Garten ist also für Cyprian der Ort der Erholung und des Auftankens der neuen Kraft, was auch dem hl. Gregor v. Nyssa von seiner Schwester hl. Makrina ans Herz gelegt wird, indem sie ihm Folgendes rät:

„Bruder, es ist für dich Zeit, den Leib ein wenig ausruhen zu lassen, da du von der großen Anstrengung der Reise müde geworden bist. […] Da ihr [Makrina] aber dies erwünscht und lieb war, so ruhte ich [Gregor], […] in einem der anliegenden Gärtchen aus, wo ich ein willkommenes Ruheplätzchen vorfand, im Schatten der an den Bäumen gezogenen Weinreben aus.“[2]
Urlaub ist für viele das heimliche Zentrum des Jahres – voller Planung, Vorfreude und leider oft auch mit Stress. Doch echte Erholung, die Leib und Seele guttut, braucht nicht immer Sonne, Sand und Flugticket. Jesus selbst zeigt uns: Rückzug, Ruhe und Gebet sind die besten Kraftquellen. Ob in den Bergen, am See oder im eigenen Garten – wer sich mit offenem Herzen zurückzieht, kann dort am ehesten das finden, wonach wir alle suchen: Frieden, neue Kraft – und, wenn er sich finden lässt, vielleicht sogar Gott (Jak 4,8).
[1] Cyprian von Karthago, Ad Donatum I (BKV) unter: https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-38/compare/an-donatus-bkv/3/ad-donatum-CSEL#fn:3
[2] Gregor von Nyssa, Vita Macrinae 18 (BKV) unter: https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-3166/versions/lebensbeschreibung-seiner-schwester-makrina-bkv/divisions/20