
In der Großen Fastenzeit erklingt in den Gottesdiensten der byzantinischen Tradition immer wieder das eindringliche Bußgebet des heiligen Ephräm des Syrers († 373): „Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßiggangs, des Kleinmuts, der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit gib mir nicht! Den Geist der Lauterkeit, Demut, Geduld und Liebe verleihe mir, Deinem Diener. Ja, Herr und König, lass mich meine eigenen Sünden recht erkennen und nicht meinen Bruder verurteilen, denn gepriesen bist Du in Ewigkeit. Amen.“ In diesen wenigen Worten entfaltet sich ein geistliches Programm für die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest. Das Gebet benennt Laster, die das Herz verengen, und Tugenden, die es weiten und verwandeln. Es lädt den gläubigen Menschen ein, das eine zu meiden und das andere einzuüben – nicht nur äußerlich, sondern in der Tiefe des eigenen Inneren.
Doch darüber hinaus dürfen wir fragen, welche weiteren Laster und Tugenden unser geistliches Leben prägen oder gefährden. Eines davon ist der Zorn, den die Psychologie als Aggressivität beschreibt, und ihm entgegensetzte Tugend die Sanftmut. Über diese beiden wird im Folgenden nachgedacht, besonders im Hinblick auf die Schriften der Wüstenväter. Was ist der Zorn? Wo liegen seine Wurzeln? Und schließlich: Wie ist mit ihm umzugehen?
Doch bevor wir damit beginnen, lade ich Sie ein, darüber nachzudenken: Wann war ich das letzte Mal zornig und warum? Zornig kann ich zum Beispiel werden, wenn ich mich nach zwei Wochen Ferien wieder an den Arbeitstisch setze, den Laptop öffne und es wage, an einem Portfolio, einer Magister-, Lizentiatsarbeit oder einer Promotion zu schreiben. Schnell stelle ich fest, dass ich nicht genau weiß, wie es weitergehen soll. Nach einer Stunde oder kurz vor dem Mittagessen sind meine Ideen am Ende. Langsam schleicht sich Unmut ein, ich werde zornig, und mit diesem Zorn gehe ich zum Mittagessen, an dem ich keine Freude empfinde. Alles, was mir entgegenkommt, alles, was mir gesagt wird, ärgert mich – und mein Zorn wächst: Am liebsten würde ich mich in mein Zimmer einschließen, niemanden mehr sehen und das Studium beenden. Aus meinem eigenen Studium kann ich mich bis heute an eine Situation erinnern, in der ich sehr zornig war – eine Situation, aus der ich aber viel gelernt habe. Eine Woche lang arbeitete ich an einem Kapitel für meine Lizentiatsarbeit. Es waren etwa fünf Seiten korrigierten Textes, auf die ich sehr stolz war. Doch durch technische Probleme meines Computers waren diese Seiten plötzlich spurlos verschwunden, denn ich hatte diese Datei nicht anderswo gespeichert. Zorn, erfasste mich Wut und schließlich Traurigkeit – so sehr, dass ich diesen alten Laptop am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte. Im Nachhinein war dies eine Lektion für meine zukünftige Arbeit, für die ich bis heute dankbar bin: Seither speichere ich wichtige Dokumente immer auf zwei verschiedenen Speichermedien.
Was ist also der Zorn, von dem wir sowohl in der malabarischen als auch in der byzantinischen Liturgie sprechen: „Lasst uns unsere Seelen von Zorn und Feindschaft reinigen“, „Dass Er uns bewahre vor aller Trübsal, vor Zorn, Not und Bedrängnis, lasst uns beten zum Herrn.“ Wut (ὀργή) und Zorn (θυμός) gehen meist zusammen. Deshalb sprechen die Wüstenväter vom Jähzorn, versuchen dabei aber dennoch, diese beiden Regungen zu unterscheiden. „Wut ist ein Verlangen nach Rache, Rache aber ist Vergeltung von Bösem.“[1] „Zorn ist der Ansturm des Begehrens in der friedlichen Seele, die vor allem auf Rache sinnt.“ Im Volksmund sagen wir oft, jemand „koche vor Wut“. Die Wut macht die Seele den ganzen Tag unruhig und wild. Vor allem aber reißt sie den νοῦς[2](nach G. Bunge „Intellekt“, nach M. Schneider „der innere Mensch“) während des Gebets mit sich fort, indem sie das Gesicht dessen vor Augen stellt, der mich beleidigt hat oder den ich beleidigt habe. Zorn und Wut haben gleichsam primäre und sekundäre Ursachen sowie entsprechende Folgen.[3] Eine primäre Ursache kann zum Beispiel ein erlittenes Unrecht sein: eine wirkliche oder eingebildete Beleidigung, eine ungerechte Verleumdung, ein unbegründeter Tadel oder sogar Verfolgung und Schläge. Das Erlittene erzeugt Zorn und Wut, die nach Rache verlangen. Wenn dieses Racheverlangen nicht gestillt werden kann, stellen sich dann Kummer und das Gefühl der Frustration ein.
Der erregte Zorn treibt den Betroffenen jedoch auch zu Taten, die in anderen dieselben Regungen hervorrufen, etwa Lüge und falsches Zeugnis, Schmähungen, lautes und unwilliges Geschrei, Verdächtigungen, das Verlangen, dem anderen etwas Beleidigendes zu schreiben, die Weigerung zur Versöhnung und vieles mehr. Kurz gesagt: Der Zorn drängt dazu, „Böses mit Bösem zu vergelten.
Eine sekundäre Ursache des Zorns, der hier als Folge einer anderen Leidenschaft erscheint, ist der Hochmut. Denn die Allmachtsphantasien der Überheblichen zerbrechen oft an der Weigerung der anderen, sich ihnen zu unterwerfen. Diese Frustration erzeugt Wut und Groll, auf die sogar noch Schlimmeres folgen kann, nämlich Irrsinn und Wahnvorstellungen. Eine weitere verbreitete sekundäre Ursache des Zorns sind die Begierden, etwa das Verlangen nach Besitz und Reichtum. Diese können Hass auf jene hervorrufen, die diesem Streben im Wege stehen.
Für die Wüstenväter gilt ein Grundsatz, der lautet:[4] „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). Um die Reinheit des Herzens bemühen sich die Väter ein Leben lang, sie ist das Ziel ihres Suchens und Strebens. Wie dies im Einzelnen geschieht, beschreiben die Mönchsväter im sogenannten »Lasterkatalog«, zu dem auch der Zorn gehört. Die Dämonen in ihrem Wirken rufen nämlich im Menschen nicht nur diverse Gedanken (logismoi) hervor, sondern auch ganz bestimmte Fehlhaltungen, die »Laster«. Hinter jedem Laster steht ein Dämon. Meist werden acht Laster aufgezählt: Völlerei, Unzucht, Habsucht, Traurigkeit, Zorn, Trägheit, Ruhmsucht und Stolz. Die Geschichte des Lasterschemas ist erstmals von Evagrios Pontikos (*345-†399) überliefert und sie beginnt weder mit Aufteilung auf sieben noch mit der Rede von Hauptsünden. Der Lasterkatalog ist der bekannteste in der abendländischen Tradition seit Gregor dem Großen (†604) und gilt als Katalog der sieben Hauptsünden. Ähnliche Lasterreihen sind bereits in der Stoa sowie in den paulinischen Briefen[5] zu finden, aber in ihrer heutigen Form wurden sie erstmal, wie bereits erwähnt, bei den ägyptischen Mönchen überliefert. Auch der heilige Johannes Cassian (†435) liegt mit seinem Lasterkatalog nahe bei dem von Evagrios, obwohl er ihn nicht erwähnt. Cassian läßt den Abt Serapion folgende Laster aufzählen: gastrimargia (Völlerei), fornicatio (Unzucht), philargyria (Geldgier), ira (Zorn), tristitia (Traurigkeit), acedia (Trägheit), cenodoxia (Ruhmsucht) und superbia (Stolz). Innerhalb des Lasterkataloges macht Cassian weitere wichtige Unterscheidungen: Völlerei und Unzucht gelten als jene Laster, die sich auf den Körper richten, wie auch die Habsucht. Hingegen stehen Zorn, Traurigkeit, Trägheit und Hochmut im rein geistigen Bereich. Evagrios Pontikos geht von der Erfahrung aus, dass die Laster nicht separat betrachtet werden können, sondern in einer inneren Beziehung zueinanderstehen: Ein Laster bringt ein weiteres hervor, bis der Mensch geistlich in sich zusammenbricht und nicht mehr zu seinem Ursprung findet, seine Wurzel verliert.
Gabriel Bunge untersuchte gründlich Schriften des hl. Evagrios und stellt fest, dass es der Zorn ist, welcher für das geistliche Leben die weitreichendsten Folgen hat. Warum: „Kein anderes Übel macht den Menschen so zum Dämon wie der Zorn.“[6] Denn bei jedem vernunftbegabten Wesen – Engel, Mensch oder Dämon gibt es eine vorherrschende Eigenschaft, die sein ganzes Verhalten bestimmt. Diese ist beim Dämon der Zorn, der sich gegen Gott und den Menschen richtet. Die Bosheit eines vernunftbegabten Wesens, also des Menschen, liegt somit aber nicht in seinem ursprünglichen Sein (vgl. Gen 1,26-30), sondern in seinem Sein nach dem Sündenfall (vgl. Gen 3,1-24) und daher auch in seinem Verhalten. Das Verhalten kann der Mensch mit seinen Sinnen und seinen Gefühlen steuern. Wenn also der Mensch im Zorn verweilt, wird er mit seinem Verhalten zu einem Dämon, nach Evagrios, zu einem „gefährlichen Tier“, das sein Ziel verfehlt, und sich selbst erniedrigt oder sich selbst schadet. Nach der Interpretation von Evagrois ist der Apostel Judas Iskariot, einer der Zwölf, an seinem Zorn gescheitert, kombiniert mit Geldgier. Der Stein des Anstoßes ist für Judas also die Passion Christi, das Kreuz. Judas sah ähnlich wie Petrus und die anderen Apostel – in Christus zunächst einen, weltlichen Messias, einen politischen Befreier Israels, und verband mit dieser Vorstellung sehr eigensüchtige Hoffnungen. Nicht nur Judas und Petrus hatten solche Vorstellungen, sondern z. B. auch die beiden Söhne des Zebedäus (vgl. Mk 10,35ff.). Die politischen Hoffnungen erscheinen uns „menschlich“ und damit verzeihlich, Christus hingegen als „satanisch“, „teuflisch“. Die Tatsache, dass Christus selbst in einem entscheidenden Augenblick sowohl Petrus (vgl. Mk 8,33) als auch Judas Iskariot (vgl. Joh 6,70) einen „Satan“ bzw. „Teufel“ nennt, deutet vielleicht auf das geheime Motiv des Verrates des Judas hin. Und das ist nämlich der Zorn mit dem Geiz gekoppelt. Die Vorstellung, dass Jesus nicht der erhoffte „König Israels“ wird, verletzte, nach Evagrios, zutiefst die Eigenliebe sowohl bei Petrus als auch bei Judas. Die „Eigenliebe“, heute würde man von Egoismus sprechen, verzehrt den Menschen von innen, sodass ihm schließlich alles und alle um ihn herum verhasst werden. An diesem Punkt jedoch trennen sich die Wege der beiden Apostel Judas und Petrus. Trotz gefährlicher Schwankungen bleibt Petrus seinem Herrn treu, während Judas ihn seinen Todfeinden ausliefert.
Des Weiteren führt Bunge fort, dass ein hochmutiger Mensch zugrunde gehen kann, einerseits an seiner Selbstüberschätzung, die ihn etwa dazu verleitet, die Hilfe Gottes zu leugnen und das Vollbrachte sich selbst zuzuschreiben, andererseits an seiner Verachtung den anderen Menschen gegenüber. Ein hochmutiger Mensch macht sich selbst unfähig, die eigene Größe, wie es von Gott gewollt, gebührend zu würdigen. Die geheime Triebfeder dieser Verachtung ist wiederum der Zorn. Am besten lässt sich dies, nach Bunge, am Verhalten Judas erkennen. Als er nämlich merkt, wie die Sache ausgehen wird und sich seiner Tat bewusstwird, vergießt er im Gegensatz zu Petrus, bittere Tränen der Reue, und versucht nur sich selbst und seiner Selbstüberschätzung treu zu bleiben, um das Getane aus eigener Kraft rückgängig zu machen. Als sich dies als unmöglich erweist, nimmt er sich das Leben. Warum denn? Wie bereits erwähnt, folgen nach dem Zorn und nach dem enttäuschten Hochmut die Traurigkeit und die Verzweiflung und schließlich als letztes Übel Geistverwirrung und dämonische Visionen. Nachdem der Satan sein Werk vollendet hat, kann er die Maske fallen lassen – für Judas jedoch zu spät, für Petrus aber wird durch Reue und bitteres Weinen der Weg zur Umkehr geöffnet.
Nun wollen wir auf die Frage zurückkommen, wie mit dem Zorn im geistlichen Leben umzugehen ist. Damit das geistliche Leben eines Christen, eines Priesters, eines Diakons und Seminaristen nicht zum Stillstand kommt, ja zum „geistlichen Selbstmord“, bedarf es nach Evagrios mindestens drei Dinge: Erstens: Standhaftes Aushalten und Unerschütterlichkeit. Zweitens: Diszipliniertes Leben, verbunden mit „Tränen vor Gott“ und Drittens: Andauernde Gebete und Stoßgebete. Des Weiteren soll jeder und jede sich um Tugenden als Gegensatz zum Zorn bemühen, um Mut, Beharrlichkeit und jene spezifische christliche Liebe, die sich als eine Tugend der Starken manifestiert, die Sanftmut. Objekt dieser gütigen Liebe ist immer der Nächste. Das Vorbild für das geistliche Leben ist Christus selbst und seine langmütige Liebe zu uns Menschen. Unser νοῦς, so Evagrios wird vom Zorn geblendet, sodass auch die Augen der Seele verfinstert werden. In einem solchen Zustand kann man nicht beten. Über die fünf Sinne des Leibes verfügt auch die Seele über die fünf Sinnen. Der hl. Evagrios legt jedoch einen besonderen Wert auf das Schauen im geistlichen Leben und auf die wichtige Rolle der Augen des Leibes und der Seele. „Die dämonischen Gedanken blenden das linke Auge der Seele, das sich der Kontemplation des Geschaffenen widmet. Diejenigen gedanklichen Vorstellungen hingegen, die unseren Intellekt [νοῦς] prägen und formen, trüben das rechte Auge, das zur Zeit des Gebetes das selige Licht der Heiligen Dreifaltigkeit schaut, jenes Auge, durch das auch ‚die Braut‘ im Hohenlied, das Herz‘ des Bräutigams selbst ‚entzückte.“[7] Als großen Kontemplativen stellt Evagrios den hl. Antonius den Großen (†356) dar und erzählt folgende Begebenheit: „Zu dem gerechten Antonios kam einmal einer der damaligen Weisen und sprach: ,Wie hältst du es aus, Vater, da du des Trostes, der aus den Büchern fließt, entbehrst?‘ Der aber antwortete: Mein Buch, o du lieber Philosoph, ist die Natur der Geschöpfe und es ist [stets] zugegen, wenn ich [in ihm] die Worte Gottes zu lesen wünsche’“. Der hl. Antonios nutzt also die Schöpfung Gottes, um selbst geistlich voranzukommen, den Schöpfer zu bewundern und Ihn zu preisen. Versucherische Gedanken, die logismoi, die jeder von uns kennt, kommen zu uns unabhängig von unserem Wollen; darauf haben wir keinen Einfluss. Ob sie aber in uns verweilen und Leidenschaften anregen, das hängt von uns ab, von unserer Zustimmung.[8] In diesem Zusammenhang bedient sich Evagrios eines Bildes von Hirten und Schafen. Der Mensch als Hirte muss die eigene Herde von Schafen und Böcken hüten, damit diese nicht den wilden Tieren zum Opfer fallen. Evagrios beschreibt auch das mühsame Leben des alttestamentlichen Jakob, der insgesamt vierzehn Jahre geduldig und mit sanfter Liebe seinem Schwiegervater Laban dienen musste, um danach von Gott einen neuen Namen zu empfangen: Israel. Er wurde ein Kontemplativer, ein Mann, der Gott sah.[9]

Da das Schauen und die Augen im geistlichen Leben eine enorm wichtige Rolle spielen, stellt sich an uns die Frage: Was schauen wir am meisten an? Wonach sind unsere Augen – sowohl die leiblichen als auch die seelischen – ausgerichtet? Aus der Natur, aus der ganzen Schöpfung Gottes, kann man sehr viel ablesen, erkennen und das Leben in Fülle gewinnen.
Für uns gilt daher als erste Regel, in der Betrachtung der Schöpfung Gott zu suchen: nicht ständig auf das Handy zu starren, sondern unseren Blick auf die Schönheit der Natur zu lenken, auf den nächtlichen Himmel voller Sterne oder auf die Weite und Tiefe der Meere. Der große Philosoph der Aufklärung Immanuel Kant sagte einmal dazu: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“.
Des Weiteren ist es im geistlichen Leben wichtig, sich um Reinheit von Leidenschaften zu bemühen, dazu gehört auch der Zorn. Der Zorn zerstört nicht nur die zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch unsere Beziehung zu Gott. Er verwirrt nicht nur unsere Psyche, was sich auch in schrecklichen Alpträumen äußern kann, sondern er „blendet“ auch zur Zeit des Gebetes unseren inneren Menschen [νοῦς], den Ort der unmittelbaren Gottesbegegnung. Sehr oft, wenn wir von Reinheit hören oder lesen, denken wir dabei in erster Linie an die Reinheit im intimen Bereich oder an kultische Reinheit. Evagrios meint jedoch die Reinheit von unterschiedlichen Gedanken, die das Innere des Menschen belästigen und verwirren. Denn wer beten will, wie es sich gebührt, muss zunächst um Reinigung von den Leidenschaften bitten. Deshalb beten wir fast immer zu Beginn der Gottesdienste im Gebet „Himmlischer König“ um Reinheit von jedem Makel. Nach der Reinheit meiner Hände wird er mir vergelten, schreibt Evagrios und meint damit Folgendes: „Reinheit der Hände bedeutet Leidenschaftslosigkeit der Seele, die durch Gnade Gottes und den Eifer des Menschen zustande kommt.“[10]
Die zweite Regel lautet: Sich bemühen um die Reinheit von Gedanken der Leidenschaft.
| Gliederung | Acht Laster | Acht Tugenden |
| Körperliche Laster | Völlerei, Unzucht, Habsucht | Mäßigung, Besonnenheit, Großzügigkeit |
| Emotionale Laster | Zorn, Traurigkeit, Akedia | Sanftmut, Freude, Geduld |
| Geistige Laster | Ruhmsucht, Hochmut | Bescheidenheit, Demut |
Vor diesem Hintergrund, insbesondere was die Reinheit vom Zorn betrifft, spielt das Gedächtnis des Menschen eine sehr wichtige Rolle. „Wenn du betest, überwache mit Macht dein Gedächtnis, damit es dir nicht sein Eigenes zutrage, sondern dich zur Erkenntnis [des Sinnes] deines Stehens [im Gebet] anrege. Denn der Intellekt [νοῦς] ist natürlicherweise geneigt, zur Zeit des Gebetes ganz besonders vom Gedächtnis ‚bestohlen‘ zu werden“[11]. „Das Gedächtnis führt dir, wenn du betest, entweder die Bilder vergangener Dinge oder neue Sorgen zu oder das Antlitz dessen, der dich betrübt hat“.[12] Unser Gebet ist gleichsam ein liebliches Weihrauchopfer, das wir Gott auf dem Altar unseres Herzens darbringen. Nichts jedoch befleckt die einmal erworbene Reinheit in den Augen Gottes mehr als der Zorn. „Das Gebet des Zornigen ist ein abscheuliches Rauchwerk und die Psalmodie des Wütenden ein hässlicher Missklang.“[13] Wer nach dem „reinen Gebet“ verlangt, der muss also nicht nur Tatsünden und Gedankensünden des Zornes vermeiden, er muss auch sein Gedächtnis reinigen.
Die drei nächsten Punkte sollen schließlich deutlich machen, dass der Zorn dem Menschen am meisten schadet und die Sanftmut verhindert. Erstens soll man Mut fassen und das Sakrament der Versöhnung empfangen: die heilige Beichte als Moment der Umkehr, der Umarmung des Barmherzigen Vaters (vgl. Lk 15) und als Moment der Versöhnung mit Gott, mit den Nächsten und mit sich selbst. Doch mit den sogenannten fünf Voraussetzungen für eine gute Beichte ist der Prozess der Umkehr längst nicht abgeschlossen, sondern nimmt erst seinen Anfang. Im Modus der ständigen Umkehr zu leben – dazu sind wir eingeladen. Zweitens soll das Gebet der Psalmen eingeübt werden, indem der Beter eine Zwiesprache mit Gott hält, zum Freund Gottes wird und mit dem Gebet auf den Lippen lebt. Um ein Laster wirksam bekämpfen zu können, muss man die ihm entgegengesetzte Tugend üben. Damit kommen wir zum letzten Punkt und zur Hauptwaffe gegen den Zorn: die Sanftmut, die tätige Liebe, die nur bei unseren Nächsten, sei es in einer Familie, in einer Gemeinschaft oder in Gesellschaft, praktiziert werden kann. Denn durch unsere Liebe zu anderen erleben wir die Liebe Gottes zu uns und werden seliggepriesen, wie es von Jesus in der Bergpredigt gelehrt wurde: „Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.“ (Mt 5,5).
[1] G. Bunge, Drachenwein und Engelsbrot. Die Lehre des Evagrios Pontikos von Zorn und Sanftmut, Beuron 22018, hier 53f.
[2] Das Wort „νοῦς“ hat verschiedene Bedeutungen, wie z. B.: Verstand, Vernunft, Gedanke, Sinn, Sinnesart besonders in Bezug auf Sittlichkeit, vgl. W. Bauer, νοῦς, in: Wörterbuch zum Neuen Testament, Berlin 1971, 1077f.
[3] Vgl. G. Bunge, Drachenwein und Engelsbrot. Die Lehre des Evagrios Pontikos von Zorn und Sanftmut, Beuron 22018, 44-48.
[4] Vgl. hier und im Folgenden, M. Schneider, Der Lasterkatalog (Editio cardo XXXVIII), Köln 2003, 22-46.
[5] Vgl. 1 Kor 6,9-10; Gal 5,19-21; Röm 1,28-32.
[6] G. Bunge, hier und im Folgenden, Drachenwein, 26-38.
[7] G. Bunge, Drachenwein und Engelsbrot, Beuron 22018, 81.
[8] Vgl. Ebd., 104.
[9] Vgl. Ebd., 92.
[10] Ebd., 111.
[11] Ebd., 112.
[12] Ebd., 113.
[13] Ebd., 115.

