Liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Dienst,
liebe Schwester und Brüder,
der Herr ist mein Hirte – dieses Bild zieht sich durch die ganze Bibel. Schon im Alten Testament vertraut Jakob Gott als seinem Hirten (Gen 48,15), und Psalm 23 spricht vom tiefen Vertrauen zu Gott: Der Herr ist mein Hirte. In Jesus Christus wird dieses Bild für uns konkret. Er bezeichnet sich selbst als der gute Hirte, der seine Schafe kennt, sie liebt und sogar sein Leben für sie hingibt (Joh 10,1ff.). Seine Fürsorge ist bedingungslos; er geht dem verlorenen Schaf nach und freut sich, als es gefunden ist. (Lk 15,3-7.) Die Ämterliste in Eph 4,7-16 nennt das Hirte-Sein als ein Amt, das aus der Gnade Christi fließt. 1 Petr 5,1-4 fordert von den Ältesten die Eigenschaften des Guten Hirten ein und ermahnt sie, für die ihnen anvertraute Herde Gottes zu sorgen. Sie sollen dabei ihre Herde nicht zu etwas zwingen, sondern sie in Freiheit führen. Die Leiter der Gemeinden sollen nicht in die eigenen Taschen wirtschaften, sondern aus Neigung und mit Leidenschaft ihren Dienst tun. Den Leitern der Gemeinden soll es nicht nur um Wolle und Fleisch der Schafe gehen. Wenn dann der oberste Hirt erscheint, werden sie den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen. Der Dienst der Ältesten hat das Ziel, dass alle „tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben“ und „zum Hirten und Bischof [ihrer] Seelen“ heimkehren“ (1 Petr 2,24-25). Im Laufe der Kirchengeschichte blieb das Bild vom „pastor bonus“ kennzeichnend für alle Dienstämter der Kirche.

Ein Mosaik vom Guten Hirten im Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia in Ravenna aus dem 5. Jh. zeigt fast programmatisch die wichtigsten Merkmale dieser Hirtenaufgabe. Über der Türe auf der Innenseite des Raumes sitzt Jesus Christus auf einem treppenartigen Stuhl, hält mit der linken Hand das Kreuz als Hirtenstab fest, mit der rechten Hand aber berührt liebevoll ein Schaf, sein Blick jedoch richtet sich in die Weite. Auch das Zweite Vatikanische Konzil spricht mit großer Selbstverständlichkeit vom Hirtenamt der Bischöfe und der Priester.
Das Dekret „PRESBYTERORUM ORDINIS“ sagt über den dreifachen Dienst des geweihten Nachfolger Christi Folgendes: Sie sind Lehrer, Priester und Hirten und nehmen am Priestertum Christi, des obersten Lehrers, Priesters und Hirten teil.
„Die Priester üben entsprechend ihrem Anteil an der Vollmacht das Amt Christi, des Hauptes und Hirten, aus. Sie versammeln im Namen des Bischofs die Familie Gottes, die als Gemeinschaft von Brüdern nach Einheit verlangt, und führen sie durch Christus im Geist zu Gott dem Vater. […] In der Auferbauung der Kirche müssen die Priester allen, nach dem Beispiel des Herrn, mit echter Menschlichkeit begegnen. Dabei sollen sie sich ihnen gegenüber nicht nach Menschengefallen verhalten, sondern so, wie es die Lehre und das christliche Leben erheischt.“ (PO 6) […] Die Hirtenaufgabe beschränkt sich aber nicht auf die Sorge für die einzelnen Gläubigen, sondern umfasst auch wesentlich die Bildung einer echten christlichen Gemeinschaft. Dieser Geist der Gemeinschaft muss, um recht gepflegt zu werden, nicht nur die Ortskirche, sondern die Gesamtkirche umfassen.“ (PO 6) „Als Lenker und Hirten des Volkes Gottes werden sie von der Liebe des Guten Hirten angetrieben, ihr Leben für ihre Schafe hinzugeben, auch zum höchsten und letzten Opfer bereit nach dem Beispiel jener Priester, die auch in unserer Zeit nicht gezögert haben, ihr Leben zu opfern […].“(PO 13)
Was das Konzil in den 60-Jahren definiert und erklärt hatte, hat seine Gültigkeit bis heute. Nun aber sieht die Realität manchmal anders aus. Die Prieser von heute können einerseits in ihrem dreifachen Dienst an eigene Grenzen kommen, weil die Schafe ihnen bei der Verkündigung nicht zu hören, nur sporadisch an der Liturgie teilnehmen und ihnen als Hirten nicht folgen wollen. Durch das zunehmende Konsumdenken und Servicedenken in der Gesellschaft wird der Priester vielerorts als Dienstleister verstanden, durch den die religiösen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden sollen, und zwar auf Nachfrage. Vor dem Hintergrund dieser „modernen Welt“, in der sie nicht mehr als „Hirten“ wahrgenommen werden, können die Priester Gefahr laufen, sich an diese Sichtweise zu gewöhnen mit der Folge, dass sie sich selbst nur noch als Dienstleiter verstehen. Dementsprechend könnte ihr ganzes Tun gewinnorientiert werden in dem Sinne, dass sie ihre Handlungen als Hirten vorrangig mit einem Geldwert bewerten.
Franz Kamphaus (1982-2007 Bischof von Limburg) beschreibt diese Entwicklung auf markanteste Weise: „Sie [Priester als Hirten] sind im Wesentlichen damit beschäftigt, ihr eigenes Schäfchen ins trockene zu bringen. […] Sie denken nur ans Scheren und Schlachten. Sie überlegen, wie man die anderen ausnehmen kann. Sie sind auf Wolle und Fleisch aus. Sie mästen ihre Herden, um mehr Wolle und Fleisch zu bekommen, immer mehr, immer mehr! Schließlich verdienen sie auch noch am Fell. Hirten dieser Art gibt’s genug unter uns. Der Stallgeruch unserer Gesellschaft verrät sie.“[1]
Was trägt dann im pastoralen Dienst einen Priester? Was hat Bestand, dass er auf den hohen Wellen des Lebens nicht zugrunde geht oder nach der Strömung des Zeitgeistes schwimmt? Und schließlich was sind die Regeln eines pastoralen Dienstes, die einem Priester als Verkehrszeichen dienen können?
Denn wer heute über die Sache des christlichen Glaubens, Gott, Kirche, Sakramente zu reden versucht, wird sehr bald das Fremde und Befremdliche einer solchen Kommunikation verspüren. Lieber redet man über allbekannte Themen wie Wetter, Urlaubsplanung oder Politik in der Welt. In seinem Buch „Einführung in das Christentum“ brachte Joseph Ratzinger[2] dieses Thema auf den Punkt und verwies auf die bekannte Erzählung von Kierkegaard über den Clown im brennenden Dorf. Diese Geschichte sagt, dass ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, zumal die Gefahr bestand, dass über die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie möchten eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns ledig für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten bis zu Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute; er versuchte vergebens, die Menschen zu beschwören, ihnen klarzumachen, dies sei keine Vorstellung, kein Trick, es sei bitterer Erst, es brenne wirklich. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet – bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten.
Die Kirche Christi ist kein Zirkus und die Priester sind keine Clowns, obwohl es vielleicht bei manchen der Eindruck erweckt werden könnte. Um dem vorzubeugen, braucht es schon in der Zeit der Formatio ein klares Bewusstsein der künftigen Priester für den Dienst, auf den sie sich vorbereiten: als Erzieher im Glauben – nicht im Sinne eines bloßen Schullehrers, sondern als einer, der selbst glaubt und den Weg der Heiligkeit geht. Zugleich soll der Dienst der Diakonie eingeübt werden und schließlich die Verwurzelung in der Geborgenheit bei Gott.
Nun soll im Folgenden versucht werden, einige Regeln für den pastoralen Dienst zu entwerfen:
- Ein Hirte sein, der selbst seinen Hirten kennt[3]
Wer selbst bei Gott Heimat und Geborgenheit findet, kann auch anderen Heimat und Geborgenheit schenken. Wer sich selbst immer wieder als Eingeladener erlebt, auch als Eingeladener beim Hochzeitsmahl Gottes, kann anderen den Tisch zum Mahl des Lebens und zum Mahl der Eucharistie decken.
- Leitung als Hirte wahrnehmen
Das Bild vom Hirten ist ein Modell, nach dem jeder Priester erfolgreich seine Gemeinde oder Gemeinden leiten kann. Wenn ein Priester seinen Aufgaben und Verantwortungen ausweicht, wird es auf Dauer negative Folgen haben.
- Den Zustand der Herde genau kennen
Kenne den Zustand deiner Herde, kenne deine Schafe beim Namen. Es ist ein Ruf, den Menschen wirklich in den Blick zu nehmen – nicht nur in seiner Funktion, sondern in seiner ganzen Person. Wo ein Mensch spürt, dass seine Sorgen, seine Familie und sein Leben wahrgenommen werden, wächst Vertrauen. Und aus diesem Vertrauen entsteht neue Kraft für den Dienst. Für den priesterlichen Dienst bedeutet das: aufmerksam zu sein für die Menschen, die anvertraut sind. Nachzufragen, zuzuhören, Anteil zu nehmen – am Leben, an der Freude, aber auch an den Belastungen und traurigen Angelegenheiten. Ein einfaches Interesse an großen und kleinen Ereignissen am Alltag, an Ehepartnern und Kindern kann Ausdruck echter Hirtensorge sein. So wird der Priester selbst zum Hirten – und lebt vor, was auch andere in der Gemeinde tun sollen: füreinander Sorge tragen, einander begleiten und im Geist der Liebe Verantwortung übernehmen.
- Hilf deinen Schafen, sich zugehörig zu fühlen
Jeder Mensch trägt die Sehnsucht in sich, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ein guter Hirte hilft dabei, dieses Gefühl wachsen zu lassen. Dabei geht es nicht um äußere Zeichen oder um bloße Anpassung. Es geht um etwas Tieferes: um eine gemeinsame Haltung, um Werte und Ziele, die wir miteinander teilen; es geht schließlich um Jesus Christus und seine Kirche. Wo Menschen spüren, wofür sie stehen und dass sie gemeinsam unterwegs sind, wächst Verbundenheit.
Doch das gelingt nur, wenn der Hirte ehrlich und glaubwürdig ist. Vertrauen entsteht nicht durch Worte allein, sondern durch leidenschaftlichen Dienst und echtes Interesse am Menschen. Wer zuhört, ermutigt und wertschätzt, der stärkt die Gemeinschaft. Fehlt dieses Vertrauen, breiten sich leicht Angst und Unsicherheit und Rivalität aus. Dann zieht sich jeder zurück, vergleicht sich mit den anderen und sucht seinen eigenen Vorteil.
- Der Hirtenstab
Das Bild des Hirtenstabes erinnert daran, dass der Hirte den Überblick behält. Denn Schafe sehen oft nur das Gras direkt vor sich. Sie brauchen jemanden, der weitersieht und den Weg kennt.
- Der korrigierte Stock
Eine andere Bedeutung des Hirtenstabes ist seine Stock – Funktion. Mit ihm schützt der Hirte die Herde und wehrt Gefahren ab. Übertragen auf den priesterlichen Dienst bedeutet das, dass ein guter Hirte auch den Mut haben muss, andere und manchmal sich selbst zu korrigieren. Nicht hart oder verletzend, sondern klar und in Liebe zugewandt. Zu viel Strenge verletzt – zu wenig Klarheit aber lässt Orientierung verloren gehen. Darum braucht es ein Herz, das beides kann: Wahrheit sagen und dabei liebevoll bleiben.
- Hirte zu sein kostet dein Herz
Hirte zu sein ist keine Technik, sondern eine Haltung. Es kostet Zeit, Kraft und Hingabe. Vor allem aber braucht es ein liebendes Herz. Denn nicht Worte oder äußere Formen machen einen guten Hirten aus, sondern sein Herz – ein Herz für Gott und für die Menschen.
Was einen Hirten zum Hirten macht, ist nicht der Stab oder der Sitzthron, sondern sein Herz. „Was den Priester zum Priester macht, sind nicht ausgearbeitete Rede, nicht liturgische Gewandung, nicht gediegene Verwaltung, sondern sein liebendes Herz, sein Herz für Gott und sein Herz für die Menschen.“[4]
[1] Franz Kamphaus, Priester aus Passion Freiburg-Basel-Wien 31993, 282.
[2] Vgl. J. Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 172023, 33-35.
[3] Vgl. hier und im Folgenden, H. Brantzen, Die sieben Säulen des Priestertums, Freiburg im Br. 2015, 227-236.
[4] H. Brantzen, Die sieben Säulen des Priestertums, Freiburg im Br. 2015, 232.

