Die innere Einstellung zum Studium

Liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Dienst,

liebe Schwester und Brüder,

„nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20) lesen wir im Galaterbrief. Mit diesem Zitat wollen wir unseren Stillen Abend im Sommersemester 2026 beginnen. Was haben diese Worte des hl. Apostels Paulus mit unserem heutigen Thema „Die innere Einstellung zum Studium“ zu tun?

Innerlichkeit und Studium – zwei Aspekte unseres Daseins im Collegium Orientale. Ohne innere Einstellung, ohne Gebet und ohne eine höhere Motivation im Theologiestudium wird das Lernen an der Universität für alle Beteiligten sehr mühsam sein. Um nicht dem besten Dogmatiker ähnlich zu werden, der zwar über enormes Wissen über Gott verfügt, ihn aber nicht anbeten kann, bedarf es nicht nur einer „Arbeitstischtheologie“, sondern einer knienden Theologie – einer Theologie, die das Leben des Forschenden verwandelt und erfüllt.

Vor diesem Hintergrund bietet sich der Apostel Paulus als ein gutes Beispiel zur Nachahmung für alle Christen an, insbesondere für Seminaristen, Diakone und Priester: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Eigener Fleiß und Eifer, unterschiedliche Strategien und Taktiken während der Missionsreisen sowie seine Fähigkeit, anderen Mitarbeitenden zu vertrauen – all dies ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die Christuserscheinung, die Begegnung mit dem Auferstandenen, die sein Leben existenziell verändert, geprägt und erfüllt hat.

Paulus gehörte nicht zu den Zwölf, aber wegen seiner Berufung durch Christus (Gal 1,15) ist er der Apostel geworden.[1] Er wurde etwa 10 n. Chr. geboren und wuchs in Tarsus auf. Sein jüdischer Name war Saulus (Apg 13,9). Von seinem Vater hatte er das römische Bürgerrecht geerbt. Als gebildeter Pharisäer und zugleich Christenfeind hatte er mit Eifer das Judentum verteidigt und seine Gegner verfolgt. Später wurde er durch göttliche Berufung zum Heidenapostel. Als Nachfolger Christi begann er sein Wirken im nabatäischen Arabien, in Syrien und Zilizien. Sein Fuß betrat den Boden Zyperns, Kleinasiens, Mazedoniens, Griechenlands und er plante eine große Missionsreise über Italien bis nach Spanien. Nach seiner Verhaftung in Jerusalem wurde er, da er römischer Bürger war, nach Rom gebracht. Dort verkündigte er das Evangelium, bis er in den Sechzigerjahren von den Römern hingerichtet wurde.

Paulus als gebildeter und von Christus berufener Apostel ermutigt auch uns, mit dieser „beidseitigen Medaille“ das Sommersemester 2026 zu beginnen. Damit wir nicht selbst zu einer einseitigen Medaille werden, bemühen wir uns im Collegium Orientale, das geistliche Leben nicht zu vernachlässigen, indem wir gemeinsam Gottesdienste feiern, zur Beichte gehen, die Heilige Schrift lesen und meditieren sowie geistliche Gespräche führen.

All dies bildet einen Rahmen, der jedoch ohne die innere Einstellung und den Willen eines jeden nur ein Rahmen bleibt. Ein solcher Rahmen kann etwa als Zaun oder als Oase verstanden werden: Im ersten Fall beschränkt der Zaun die scheinbare Freiheit, setzt Grenzen und wird als Belastung empfunden; im zweiten Fall hingegen entfaltet sich die Person und kann sich in dieser Oase glücklich schätzen, so dass der Rahmen als Segen empfunden wird.

Unser ΟΔΗΓΗΤΗΡ[2] (Wegweiser für das Geistliche Leben im Collegium Orientale) entfaltet diese Thematik ausführlich und macht deutlich, dass der Theologiestudent nicht nur nach dem suchen soll, was die Professoren in den Vorlesungen anbieten, sondern vor allem nach dem, was Gott ihm selbst zu offenbaren und über die Menschen von heute zu sagen hat. Hierzu bedarf es des Eintritts in den Dialog mit dem Wort der Heiligen Schrift, mit der Lehre der Kirche und vor allem mit Christus selbst, wie es nach einem bekannten Wort von Evagrios Pontikos heißt: »Wenn du Theologe bist, dann bete wirklich; und wenn du wirklich betest, bist du Theologe.«[3] Gleiches betont Johannes Chrysostomus: »Zuerst ist das Gebet da, dann kommt das (theologische) Wort«, wie sich auch die Apostel zunächst und vor allem dem Gebet und dem Dienst am Wort widmeten (Apg 6,4). Die Suche nach Gottes Willen für heute vollzieht sich im »Kämmerlein« des eigenen Herzens und ebenso im Mitvollzug kirchlichen Lebens. Dazu führt Johannes Chrysostomus weiter aus:

»Du kannst auch zu Hause beten, du kannst dort aber unmöglich so beten, wie in der Kirche. Du wirst von Gott, wenn du allein betest, nicht so erhört, wie wenn du mit deinen Brüdern betest. Denn hier ist etwas mehr vorhanden: die Einheit im Denken und in der Rede, das Band der Liebe und das Gebet der Priester.«[4]

»Das Gebet ist zum Ziel geführte Theologie. Im Gebet bleibt der Gläubige nicht bei einer bloßen Spekulation über Gott oder über den Glauben hängen, vielmehr erfährt er dabei die Manifestation der göttlichen Energie, d.h. der Kraft Gottes, die auf das Gebet antwortet und im Menschen den Durst nach Gebet vermehrt, so dass ihm die Erfahrung von Gottes Heilshandeln in seiner ganzen Tragweite zuteilwird.«[5]

Um zu einem solchen Gebet zu finden, bedarf jener, der die Theologie studiert, auch der Umkehr und Reinigung:

»Ja mehr noch: der Theologe muss sich darum bemühen, die für die orthodoxe Kirche so charakteristische Spiritualität möglichst vollkommen zu erfahren und zu erleben. Alle Väter der Kirche waren der Meinung, dass niemand sich Gott verstehend nähern kann, ohne sich vorher von seinen Begierden gereinigt zu haben.«[6]

In der Tat, das Studium der Theologie wie auch das geistliche Mühen gehören zusammen, da ohne Umkehr keiner zur Erkenntnis und Weisheit Gottes gelangt. Begierden und Leidenschaften führen nur zu ständiger Beschäftigung mit sich selbst, weshalb die Befreiung hiervon zugleich höchste Sensibilität für die anderen bedeutet. Darum muss jener, der in der Erkenntnis der Theologie vorankommen möchte, zunächst gegen die eigenen Leidenschaften angehen. Nur so wird er immer feinfühliger für jene Tugend, die mit der höchsten menschlichen Vollkommenheit gleichzusetzen ist und die in der Liebe zu Gott und zum Nächsten besteht. Die höchste Gottähnlichkeit erlangt der Mensch aber im Gebet, in ihm vereinigt er sich mit Gott und ebenso mit allen Menschen. Die Gebetpraxis ändert auch seinen Lebensstil. Hierzu heißt es bei Gregor von Nazianz: »Willst du Theologe und Gottes würdig werden? Dann veredle deine Lebensart; erringe die Reinheit durch Reinigung; halte die Gebote; reinige dich zuerst selbst, dann erst nahe dich dem Reinen!«[7] Doch Gregor von Nyssa fügt aus eigener Erfahrung gleich hinzu: »Die Theologie ist ein hoher Berg, der schwer zu ersteigen ist. Man kann kaum zu seinem Fuß aufsteigen. Auch das kann nur ein Starker schaffen.«[8]

Das Gebet gewinnt an Kraft durch die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen. In ihr erfährt der Christ das wirksame Handeln der Liebe Gottes und einen Vorgeschmack der letzten Gemeinschaft mit Gott im Himmel. Der Weg der Reinigung, den der Theologe zu gehen hat, verläuft daher nicht nur oder gar rein „geistlich“, sondern vollzieht sich mitten in der Kirche und ihrem konkreten Leben – sei es in der Liturgie oder im Liebesdienst an den Brüdern und Schwestern.

Die Liturgie feiert die bleibende Gegenwart des auferstandenen Herrn, der in ihr hier und jetzt handelt. So erweist sie sich als eine lebendige und nie versiegende Quelle des Glaubens, denn sie führt in die unmittelbare Begegnung mit dem gegenwärtigen Herrn – eine Begegnung mit Christus, wie sie auch dem Apostel Paulus zuteilwurde. Diese Begegnung, die zugleich zur Berufung, ja zum Lebensauftrag wurde, erlaubte ihm zu sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Und auch wenn wir noch weit davon entfernt sind, dies in gleicher Weise zu bekennen, lohnt es sich, auf dem Weg zur Heiligkeit zu bleiben und weder das Studium noch das geistliche Leben gleichgültig werden zu lassen.

Zum Nachdenken: Dein Leben sei ein anhaltendes Gebet

„Gebet ist die Bitte um eine Gabe, die der Gläubige an Gott richtet. Diese Bitte äußert sich aber durchaus nicht bloß in Worten. Wir nehmen ja nicht an,  dass Gott mit Worten an etwas erinnert werden  muss; er weiß ja, was uns frommt, auch ohne  dass wir bitten. Was wollen wir damit sagen?  Dass unser Gebet nicht in Silben aufgehen darf, sondern  dass die Kraft des Gebetes mehr in der Gesinnung der Seele und in tugendhaften Handlungen ruht, die sich auf das ganze Leben erstrecken. »Denn möget ihr essen«, sagt Paulus, »oder trinken oder sonst etwas tun: tut alles zur Verherrlichung Gottes!« (1 Kor 10,13) Setzest du dich zu Tisch, so bete! Nimmst du Brot, so danke dem Geber! Stärkst du den schwachen Leib mit Wein, so denke an den, der dir die Gabe zur Freude deines Herzens und zur Behebung deiner Schwächen reicht! Ist die Einnahme der Mahlzeit vorüber, so soll damit die Erinnerung an den Wohltäter nicht vorübergehen. Ziehst du das Kleid an, so danke dem, der es dir gegeben! Wirfst du den Mantel um, so wachse in der Liebe zu Gott, der uns für Winter und Sommer mit passenden Kleidern versehen hat, mit Kleidern, die unser Leben schützen und unsere Scham bedecken. Ist der Tag vorüber, so danke dem, der uns die Sonne für das Tagewerk gegeben und das Feuer zur Erhellung der Nacht und zur Befriedigung der übrigen Lebensbedürfnisse verliehen hat! Die Nacht bietet weitere Anlässe zum Gebet. Schaust du zum Himmel empor und betrachtest die Schönheit der Sterne, so bete zum Herrn der sichtbaren Welten, bete den großen Meister des Weltalls an, der alles in Weisheit gemacht hat! Siehst du die ganze lebende Kreatur in Schlaf versenkt, so bete wieder den an, der auch wider unseren Willen durch den Schlaf unsere Arbeiten unterbricht und durch kurze Ruhe uns wieder zu voller Kraft kommen läßt. Die Nacht soll also nicht gleichsam ausschließlich Eigentum des Schlafes sein. Laß nicht die Hälfte deines Lebens in trägem Schlaf verlorengehen, sondern teile die Nachtzeit in Schlaf und Gebet! Ja, der Schlaf selbst soll eine Übung der Frömmigkeit sein. Die Vorstellungen im Schlafe sind ja doch meist Nachklänge unserer Tagessorgen; wie unsere Lebensbeschäftigungen, so sind auch unsere Träume. Auf diese Weise also wirst du ohne Unterlaß beten, wenn du dein Gebet nicht auf Worte einschränkst, sondern in deinem ganzen Lebenswandel dich mit Gott vereinigst, so  dass dein Leben ein anhaltendes, ununterbrochenes Gebet ist.“[9]


[1] Vgl. hier und im Folgenden W. Bauer, Art. Παῦλος 1285.

[2] Vgl. ΟΔΗΓΗΤΗΡ: Wegweiser für das Geistliche Leben im Collegium Orientale, Eichstätt 2023, 64ff.

[3] Evagrios Pontikos, Der Mönch. Worte über das Gebet, Kap 60.

[4] Johannes Chrysostomus, Über das Wesen des unbegreiflichen Gottes, III (PG 48,725).

[5] D. Staniloae, Der Heilige Geist im Leben der Kirche, in: Orthodoxie heute 59 (1977) 9–11, hier 9.

[6] D. Staniloae, Orthodoxe Dogmatik. Zürich – Einsiedeln – Köln 1985, 99.

[7] Gregor von Nazianz, Rede 20,12 (PG 35,1080).

[8] Gregor von Nyssa, Über das Leben Mose (PG 44,373.376).

[9] Basilius der Große, Predigt über die Märtyrin Julitta 3-4, in: Texte der Kirchenväter III, München 1964, hier 195f.