Vom Turmbau zu Babel zur Künstlichen Intelligenz

Papst Leo XIV. veröffentlichte seine Enzyklika Magnifica Humanitas (MH) nicht zufällig am 25. Mai 2026. Denn genau 135 Jahre zuvor hatte sein Namensvorgänger, Papst Leo XIII., am selben Datum, dem 25. Mai 1891, die Enzyklika Rerum Novarum veröffentlicht. Damals standen Kirche und Gesellschaft vor den tiefgreifenden Umbrüchen der Industrialisierung – einer Epoche, die von großen wirtschaftlichen Chancen, aber auch von erheblichen sozialen Verwerfungen geprägt war. Die Menschheit war von der Überzeugung und dem Optimismus getragen, durch den technischen Fortschritt die Grenzen des bisher Möglichen zu überwinden. Nichts schien unmöglich zu sein: Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrifizierung und industrielle Massenproduktion veränderten Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend. Fabriken ersetzten zunehmend das traditionelle Handwerk, neue Verkehrsmittel verkürzten Entfernungen, und die ersten Wolkenkratzer wurden zu sichtbaren Symbolen einer neuen Zeit.

Heute erlebt die Menschheit erneut einen tiefgreifenden Epochenwandel. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Automatisierung und globale Vernetzung verändern Arbeit und Lernen ebenso wie das menschliche Zusammenleben und die Beziehungen der Menschen untereinander.

Papst Leo XIV. bringt in seiner lesenswerten Enzyklika zwei biblische Bilder ins Spiel: den Turmbau zu Babel (vgl. Gen 11,1–9) und den Wiederaufbau der Mauern Jerusalems (vgl. Neh 2–6). Anhand dieser Bilder zeigt er, wie wichtig es ist, keine neuen Türme von Babel zu bauen, sondern unser gemeinsames Haus, unsere Welt, menschenwürdig zu gestalten (MH 7f.). Diese beiden Beispiele aus der Bibel ziehen sich wie ein roter Faden durch das Schreiben des Papstes. Es würde sich lohnen, ausführlicher auf die Enzyklika und diese beiden Bilder einzugehen, doch das würde unseren zeitlichen Rahmen sprengen. Deshalb beschränken wir uns auf das erste Bild: den Turm von Babel. Warum erlebten die Menschen Niederlage und Verwirrung? Und was hat das mit den heutigen Entwicklungen zu tun?

Wenn wir die Erzählung vom Turmbau zu Babel lesen, können wir Folgendes erkennen.

Erstens: Wie Gen 11,1-9 berichtet hatten die Menschen damals noch eine einzige Sprache und einen gemeinsamen Wortschatz.[1]  Als sie von Osten aufbrachen fanden Sie eine Ebene, im Land Schinar, siedelten sich dort an und entschlossen sich eine Stadt zu bauen – mit selbst gefertigten Ziegeln, starken Mauern und einem Turm. Vom Osten wegzugehen bedeutet, biblisch gesehen, sich vom Garten Eden zu entfernen, der im Osten lag (vgl. Gen 2,8) und ursprünglich als Lebensraum des Menschen dienen sollte. Nun setzten sich die Menschen an die Stelle Gottes und wollten – ähnlich wie Gott – einen Ersatz für den verlorenen Garten schaffen. Sie wollten sich ihr eigenes „Paradies“ in Form einer befestigten Stadt errichten. Mitten im Garten pflanzte Gott, der Herr, den Baum des Lebens und (auch) den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (Gen 2,9); sie dagegen wollten keinen Baum pflanzen, sondern mitten in ihrer Stadt einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reichen sollte.

Zweitens: Bei der Erschaffung des Menschen formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde (Gen 2,7); die Menschen aber wollten ihrerseits Ziegel und Backsteine aus Lehm und Erde formen. Im Garten Eden gab der Mensch allen Tieren des Feldes und allen Vögeln des Himmels einen Namen; in ihrer Stadt hingegen wollten sich die Menschen selbst einen großen Namen machen. Wem gegenüber wollten sie sich einen großen Namen machen? Natürlich gegenüber Gott, denn außer ihnen gab es noch keine anderen Menschen. Doch allein Gott ist derjenige, der Menschen einen großen Namen machen kann. Das wird besonders deutlich in der Berufung Abrahams: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein“ (Gen 12,2).

Drittens: Wie der Baum der Erkenntnis für die ersten Menschen zum Stein des Anstoßes und zum Anlass großer Beschämung und zum großen Schaden wurde, so wurde auch der Turm von Babel zum Anstoß und führte schließlich zur Vertreibung aus ihrer Stadt – so wie die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden. Gott, der Herr, kam zu den ersten Menschen im Garten Eden und suchte die sündig gewordenen Menschen, die sich vor ihm versteckt hatten. Er stellte Adam, dem Erschaffenen, die erste Frage: „Wo bist du?“ (Gen 3,8f.). Auch in die Ebene von Schinar stiegt Gott, sogar zweimal, zu den Menschen herab: das erste Mal, um ihre Stadt und den Turm zu sehen (Gen 11,5), das zweite Mal mit dem Entschluss, ihre Sprache zu verwirren, damit keiner mehr die anderen verstehe (Gen 11,7).

Die Auflehnung der Menschen gegen Gott hatte kein gutes Ende sondern führte, zu Sprachverwirrung, Hilflosigkeit und der Vertreibung aus ihrem gewohnten Lebensraum. Ähnlich erging es auch Kain, der vom Ackerboden vertrieben wurde (vgl. Gen 4,13–16) und sich vor Gott verbergen musste. Auch Noach musste, um der Sintflut zu entgehen und am Leben zu bleiben, in die Arche steigen und seinen bisherigen Wohnort verlassen (vgl. Gen 6–9).

Mit diesen Beobachtungen lässt sich besser verstehen, was Papst Leo XIV. mit dem Bild des Turmbaus zu Babel im Blick auf moderne Technologien, das Internet und die Künstliche Intelligenz sagen möchte. Das Projekt, eine Stadt und einen Turm als Garantie für Macht, Sicherheit und Stabilität zu errichten, birgt eine tiefgreifende Gefahr. Papst Leo XIV. warnt eindringlich:

„Es ist ein Werk, das ohne Bezug zu Gott konzipiert worden ist, gestützt auf eine Einheitlichkeit, die Vielfalt ausschließt und sich statt für Gemeinschaft für Vereinheitlichung entscheidet. Wenn die Stadt auf dem Fundament des Stolzes und anmaßender Selbstgenügsamkeit erbaut wird, bricht die Kommunikation zusammen, die Sprachen vermischen sich und die Menschen verstehen einander nicht mehr. Das Ergebnis ist nicht Einheit, sondern Zerstreuung. Babel offenbart somit die Grenzen eines jeden noch so grandios anmutenden Gebildes, das aus der Verabsolutierung des Menschen und aus seiner anmaßenden Autarkie entsteht, das die Würde der Menschen der Effizienz opfert und danach strebt, den Himmel ohne den Segen Gottes zu erreichen“ (MH 7).

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität der Erzählung vom Turmbau zu Babel: Nicht die Technik als solche ist das Problem, sondern ein Fortschritt, der sich von Gott löst und den Menschen auf seine bloße Funktionalität reduziert. Die Künstliche Intelligenz lässt sich mit den großen technischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte vergleichen, wie etwa mit der Entdeckung der Elektrizität im 19 Jahrhundert. Heute ist ein Leben ohne Strom kaum mehr vorstellbar. Doch obwohl Elektrizität ein großer Segen ist, kann sie bei unsachgemäßem Umgang erheblichen Schaden anrichten oder sogar den Menschen töten. Ähnlich verhält es sich mit der Künstlichen Intelligenz. Sie kann der Menschheit großen Nutzen bringen, braucht aber klare Regel und verantwortungsvolle Grenzen. Nicht die KI selbst ist die Gefahr, sondern der Mensch, der aufhört, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und vor Gott selbst zu leben.

Fragen zum Nachdenken

  • Welche Rolle spielen das Internet, Facebook, Instagram, TikTok und Künstliche Intelligenz in meinem (geistlichen) Leben?
  • Verbringe ich mehr Zeit im digitalen Raum als im Gebet, mit der Heiligen Schrift oder im persönlichen Gespräch mit anderen Menschen?
  • Lebe ich mein eigenes Leben oder zunehmend nach den Mustern, Erwartungen und Algorithmen anderer?

Der heilige Apostel Paulus schreibt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Besteht heute nicht die Gefahr, dass wir – überspitzt formuliert – sagen müssten: „Nicht mehr ich lebe, sondern die KI lebt in mir“?


[1] Vgl. L. Ruppert, Genesis I, Ein kritischer und theologischer Kommentar Gen 1,1-11,26 (Forschung zur Bibel 70), Würzburg 22003, 483-517.