Klerikalismus

Liebe Schwester und Brüder,

wenn wir Worte hören, die mit „-mus“ enden, kommen uns unterschiedliche Gedanken und Bilder in den Sinn, die sowohl positiv als auch negativ sein können. Viele dieser Wörter stammen aus dem Griechischen oder Lateinischen und beschreiben häufig Ideologien, Denkweisen, Systeme oder wissenschaftliche Begriffe. In einer solchen Bezeichnung selbst steckt oft bereits das Programm oder die Verabsolutierung einer bestimmten Gruppierung und ihrer Weltanschauung. Aus dem Griechischen stammend und ebenfalls auf „-mus“ endend ist auch der Begriff „Klerikalismus“, der in den letzten Jahren nicht nur innerhalb der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft fast immer negativ belegt ist. Was ist „Klerikalismus“? Wie manifestiert er sich? Kann man in den orientalischen und östlichen Kirchen oder etwa in einem Priesterseminar vom Klerikalismus sprechen?

Aus dem Griechischen stammend, bedeutet das Wort κλῆρος ursprünglich so viel wie „Scherbe“ oder „durch das Los zugefallener Anteil oder Erbteil“[1]. Seine heutige theologische Bedeutung als „erwählter Priesterstand“ knüpft an das erste Kapitel der Apostelgeschichte an, in dem beschrieben wird, wie Matthias durch Losentscheid zu den Zwölf bestimmt wird (Apg 1,17: τὸν κλῆρον τῆς διακονίας ταύτης). Im Plural bezeichnet κλῆροι die Hirten, denen die Herde anvertraut ist (1 Petr 5,3). Erst Anfang des 4. Jahrhunderts, nach der Konstantinischen Wende, wurde dem Klerus ein privilegierter Stand zugesprochen. Der Begriff „Klerikalismus“ stammt ursprünglich aus der Politik.[2] Er beschreibt das Eingreifen des Klerus in politische Angelegenheiten, obwohl Kirche und Staat eigentlich getrennt sein sollten. Dabei versuchte der Klerus, seinen geistlichen Einfluss auch auf politische Macht auszuweiten. Besonders deutlich zeigte sich der Klerikalismus im Mittelalter, zum Beispiel im Investiturstreit und später im Anspruch des Papstes, die höchste Führung über die gesamte christliche Welt zu besitzen. Dass Klerikalismus immer ein Thema war und bleiben wird, zeigt sich im Verlauf der Kirchengeschichte bis heute. Papst Benedikt XVI. wies zum Beispiel beim Abschluss des Priesterjahres 2010 darauf hin, dass der Klerikalismus „in allen Jahrhunderten und auch heute eine Versuchung für die Priester“ sei und ermutigte Priester zu einer eucharistisch geprägten Spiritualität. Auch Johannes Paul II. verstand unter „Klerikalismus“ vor allem ein Machtdenken statt einer Dienstbereitschaft sowie als eine Spaltung zwischen Priestern und dem Volk Gottes. Insgesamt widmeten jedoch beide Päpste einem solchen Phänomen keine besondere Aufmerksamkeit. Papst Franziskus aber erklärte den Kampf gegen den Klerikalismus, der nichts zu tun habe mit dem Christentum.

Heute wird Klerikalismus überwiegend rein kritisch verstanden, nämlich als Ausdruck einer übersteigerten Macht- und Einflussstellung nicht so sehr oder nicht mehr in Politik und Gesellschaft, sondern eher innerhalb der Kirche bzw. innerhalb der kleinen und großen Gemeinden. Überall da, „wo Besserwisserei herrscht, Kritik abgewiesen, von oben herab moralisiert oder ein salbungsvoller, sich allzu beflissen »hingebender« Paternalismus zur Schau gestellt wird“[3], da ist Klerikalismus am Werk. Was ist also die Treibkraft für so ein Streben innerhalb der Kirche, das im Widerspruch zu den Worten Jesu steht, der nicht gekommen ist, „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mk 10,45) Ähnlich wie Jesus, der vom Teufel versucht wurde „alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht bekommen zu können“ (vgl. Mt 4,8-9), erliegen auch Diakon, Priester oder Bischof einer ähnlichen Versuchung zur Macht, nicht zuletzt zur moralischen oder geistlichen Machtausübung. Diese wird im Namen Jesu gesprochen, eigentlich im Namen dessen, der an seiner göttlichen Macht nicht festhielt, sondern sich selbst entäußerte und wurde ein Mensch wie wir (Phil 2,6-7). Was ist also das Faszinierende an der Macht? Die Versuchung zur Macht wirkt oft so stark, weil Macht scheinbar leichter erreichbar ist als wahre Liebe.[4] Es scheint einfacher, andere zu beherrschen, als ihnen mit Liebe zu begegnen. Schon seit dem Sündenfall steht der Mensch in der Gefahr, Liebe durch Macht zu ersetzen und selbst „wie Gott“ sein zu wollen. Jesus stellte alldem die Frage entgegen: „Liebst du mich?“ und widerstand dieser Versuchung konsequent – von der Wüste an bis hin zum Kreuz. Dennoch suchen Menschen häufig eher nach Ansehen und Einfluss und neigen dazu, die Macht über die Liebe zu stellen und lieber andere zu beherrschen, als sich führen zu lassen. Kein Wunder ist es also, dass jeder Mensch, unabhängig von seiner Stellung und Position, der Versuchung zur Macht ausgesetzt wird. Herrschen, anstatt zu dienen betrifft also alle Bereiche des menschlichen Lebens. Da die Kirche inzwischen vom Staat getrennt ist, verlagerte sich diese Versuchung zur Macht innerhalb der Kirche in vielen Facetten. Einerseits spricht man zumindest in Westkirche vom „theologischen Klerikalismus“, der dort droht, „wo der Priester ohne Grund seinen »Ort« nur im Gegenüber zur Gemeinde sucht, sich dort »profiliert« und dabei vergisst, dass sein Spezifikum im handlungs-bezogenen Dienst an der Gemeinde besteht und nicht im Suchen »geistlicher Selbstbefriedigung« durch Verwirklichung seiner priesterlichen Befugnisse.“[5] Andererseits entwickelte sich im Gegensatz dazu eine „klerikalistische Konzelebration“[6], die dazu führt, dass die Eucharistiefeier als „Schlachtfeld“ benutzt wird, wo und wie sich ein Priester oder mehrere Priester aufhalten sollen: am Altar oder im Volk Gottes?

Ob der Klerikalismus in den orientalischen und östlichen Kirchen präsent ist, lässt sich nur vermuten, da, wie oben beschrieben, alle Menschen der Versuchung zur Macht erliegen können. Einige Aspekte einer solchen Macht werden wahrscheinlich der Gehorsamspflicht gegenüber den Oberen geschuldet, vieles hängt aber auch von dem Pflichtbewusstsein und Verantwortlichkeit derer ab, die im Gegenüber zu den Vorgesetzten stehen. Unter Papst Franziskus wurde, zumindest in der Ukraine, dieses Thema öffentlich diskutiert[7], so dass es auch Eingang gefunden hat im Seelsorgeplan 2030 der UGKK: „Die Hoffnung, zu der uns der Herr ruft“.[8] Da die Versuchung zur Macht und die Neigung zum Klerikalismus nicht mit der Weihe beginnen dürfte, lohnt es sich in aller Vorsicht einen Blick auf die Zeit davor zu werfen, auf das Milieu, in dem künftige Seminaristen groß werden und gesellschaftliche Entwicklungen, die ihre Sichtweise stark beeinflussen können. In seiner Programmschrift Evangelii gaudium geht der Papst Franziskus ausführlich auf „Versuchungen der in der Seelsorge Tätigen“ (Nr. 76-109) ein und warnt vor der „spirituellen Weltlichkeit“ (Nr. 93-97). Den Gedanken des Papstes wird im Folgenden Raum gegeben, um herauszufinden, was Anzeichen für den späteren Klerikalismus sein können.

Versuchung zur Bequemlichkeit: die heutige Jugend ist in ihrem Denken eher auf die Bequemlichkeit ausgerichtet. Alles bequem vom Sofa aus mit dem Smartphone in der Hand erledigen zu können, endet jedoch nicht immer mit einem Happy End. Darüber hinaus kann eine solche Einstellung die persönliche Entwicklung sowie die Entfaltung und Vermehrung eigener Talente behindern (vgl. Mt 25,14-30): Man tut häufig nur das Nötigste bzw. das, was verlangt wird, und geht nicht darüber hinaus. Ein Hang zur Bequemlichkeit kann dazu führen, dass ein Priester zu sehr auf Privilegien und Annehmlichkeiten fixiert ist, die ihm durch seine kirchlich-gesellschaftliche Stellung ermöglicht werden. Noch gravierender ist es, wenn sich ein narzisstisches Persönlichkeitsprofil mit priesterlichem Standesdünkel verbindet. Bequemlichkeit grenzt zudem stark an Faulheit und kann nicht nur für die Person selbst, sondern auch für die spätere Gemeinde zu einem ernsthaften Problem werden.

Versuchung zur Selbstbezogenheit: Es geht einem Priester mehr um persönliches Wohlergehen, bestimmte Vorteile und Sicherung des kirchlichen Ranges als um die Verkündigung des Reiches Gottes. Eine solche Haltung hindert den Priester daran, auf die Menschen zuzugehen, das Leben mit ihnen zu teilen und ihnen die „Freude des Evangeliums“ zu bringen (Evangelii gaudium, Nr. 94). In einem Priesterseminar kann sich so eine Selbstbezogenheit darin zeigen, dass einzelne Personen versuchen, die Gemeinschaft oder Teile der Gemeinschaft nach ihren eigenen Vorstellungen zu beeinflussen – oft in einem gewissen Spannungsverhältnis zur offiziellen Leitung, die dabei häufig kritisiert und verurteilt wird. Ein solcher geistlicher „Guru“, der die Aufmerksamkeit nicht auf Christus, sondern auf sich selbst lenkt, möchte stets im Mittelpunkt des Geschehens stehen, und von anderen bewundert und ständig hervorgehoben werden.

Versuchung, den Raum der Kirche zu beherrschen: Bei einigen ist eine demonstrative Pflege der Liturgie, der Lehre und des Ansehens der Kirche festzustellen, so dass das kirchliche Leben als ein Museumsstück oder als ein Eigentum einiger weniger erscheint (Nr. 95). Auch ein Priester kann liturgisch-spirituelle Vollzüge wie die Feier der Sakramente und des Stundengebets vollziehen, ohne an Jesus Christus und den Menschen wirklich interessiert zu sein.

Versuchung zum Ruhm: Diese Versuchung betrifft alle, die von anderen Menschen Anerkennung und Bewunderung suchen, obwohl Ruhm und Ehre allein Christus zustehen. Eine solche Einstellung geht oft mit einem überheblichen und autoritären Denken einher. Dadurch kann ein Geistlicher dazu neigen, eine Pfarrei und die dort engagierten Menschen zu stark zu kontrollieren und Macht über sie auszuüben. Eine weitere Form davon zeigt sich in einem klerikalen „Managerdenken“, bei dem Verwaltung und Kontrolle wichtiger werden als der eigentliche pastorale Dienst am Menschen.

Versuchung zum narzisstischen Verhalten: Obwohl Papst Franziskus nur mit einigen Worten auf diese Versuchung eingeht (Nr. 94), spielt sie eine wichtige Rolle gerade in der Zeit der Formatio. Narzisstisches Verhalten zeigt sich in einem Muster von Überheblichkeit, starkem Bedürfnis nach Bewunderung und geringer Empathie.[9] Betroffene überschätzen oft ihre Fähigkeiten, reagieren empfindlich auf Kritik und haben häufig ein verletzliches Selbstwertgefühl. Typisch ist auch, dass die Gefühle und Bedürfnisse anderer kaum beachtet werden. Eigene Fehler werden selten eingestanden; stattdessen wird die Schuld häufig auf andere geschoben. Zudem werden die Leistungen anderer abgewertet und die eigenen Erfolge übertrieben dargestellt. Ein Seminarist oder ein Priester muss nicht vollkommen sein, sollte aber bereit sein, sich ehrlich auf den Ausbildungs- und Reifungsprozess einzulassen. Deshalb spielt in diesem Zusammenhang die correctio fraterna – also die brüderliche Zurechtweisung eine sehr wichtige Rolle. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Klerikalismus keine angeborene Eigenschaft ist, sondern dass man zum Klerikalen wird, wenn das geistliche Leben und die persönliche Beziehung zu Christus vernachlässigt werden, wenn das Priestertum zu einem bloßen Funktionärsamt degradiert wird, wenn der Dienst zur Macht wird und wenn das Herrschen über die Liebe gestellt wird. Zum Schluß noch ein Wort von Karl Rahner zur persönlichen Rechenschaft: „Wie langweilig, greisenhaft, nur auf das Renommee des Apparats bedacht, wie kurzsichtig, wie herrschsüchtig kommen mir manchmal die Amtsträger in der Kirche vor, wie in einem schlechten Sinn konservativ und klerikal. Und wenn sie dann salbungsvoll dazu sind, wenn sie penetrant ihren guten Willen und ihre Selbstlosigkeit zur Schau tragen, dann wird es noch ärger, weil ich kaum einmal höre, dass sie auch öffentlich und deutlich ihre Fehler und Missgriffe bekennen und wünschen, dass wir heute an ihre Unfehlbarkeit glauben und vergessen, was sie gestern an kapitalen Schnitzern und Versäumnissen begangen haben. Sie moralisieren viel, aber von dem allen Geist und Herz zersprengenden Taumel der Freude über die Botschaft von Deiner Gnade, in der Du Dich selbst schenkst, ist oft weit weniger zu spüren. Und doch hätte ihre Moralpredigt viel mehr Aussicht gehört zu werden, wenn sie so eine kleine Nebenbemerkung in diesem Lobpreis Deiner herrlichen Gnade wäre, der Überfülle des Lebens, das Du uns mitteilen willst. Ich will nicht zu denen gehören, die die Amtspersonen in der Kirche tadeln und noch mehr als sie dazu beitragen, dass Deine Kirche unglaubwürdig erscheint. Ich will mich auch immer wieder um helle Augen bemühen, die die Wunder Deiner Gnade sehen können, die auch heute in der Kirche sich ereignen. Ich gestehe, dass ich diese Wunder deutlicher bei den Kleinen in der Kirche sehe als bei den Großen in der Kirche, denen es doch unvermeidlich meist auch bürgerlich sehr gut geht. Aber vielleicht sind meine Augen trübe, und ich bin affektgeladen gegen Herrschaft und Macht.“[10]


[1] Vgl. hier und im Folgenden, E. Garhammer, Art „Klerikalismus“, in: LThK3 6, (2006) 130-131; A. Faivre, Art „Klerus“, in: LThK3 6, (2006) 131-133.

[2] Vgl. G. Greshake, Priester sein in dieser Zeit, Freiburg 2000, 341.

[3] G. Greshake, Priester sein in dieser Zeit, Freiburg 2000, 341.

[4] Vgl. H. J.M. Nouwen, Seelsorge, die aus dem Herzen kommt, Freiburg 51993, 55-60.

[5] G. Greshake, Priester sein in dieser Zeit, Freiburg 2000, 334.

[6] Ausführlicher dazu vgl. G. Greshage, Priester sein in dieser Zeit, Freiburg 2000, 345-353.

[7] https://www.radiosvoboda.org/a/967438.html

https://credo.pro/2017/07/187130

[8] https://synod.ugcc.ua/data/dushpastyrskyy-plan-na-period-do-2030-roku-nadiya-do-yakoy-nas-klyche-gospod-10311/

[9] https://www.median-kliniken.de/de/medizin-teilhabe/rehabilitation/psychosomatik/persoenlichkeitsstoerungen/narzisstische-persoenlichkeitsstoerung/

[10] K. Rahner, Gebete des Lebens, Freiburg i. Br. 1984, 141f.