Ikonen – geistliche Freundschaft

Liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Dienst,

liebe Schwester und Brüder,

Ägypten – ein Land nicht nur der Pharaonen, sondern auch der ersten Christen, reich an Tradition, tiefem Glauben und Mönchstum. Es ist sehr schön und erfreulich, dass wir unter uns einen Studenten haben, der eine lebendige Brücke zu dem Land schlägt, aus dem die vorliegende Ikone stammt.

Im Gegensatz zum vorherigen Thema „Klerikalismus“, das eher negativ beladen war, bin ich als Spiritual und als geistlicher Begleiter inzwischen überzeugt, dass es einem Priester möglich ist, in geistlicher Freundschaft mit den Gläubigen, mit der ihm anvertrauten Gemeinde und mit einzelnen Menschen verbunden zu sein. Wie dies gelingen kann und welche Rolle heilige Bilder im geistlichen Leben spielen können, lässt sich anschaulich anhand einer koptischen Ikone verdeutlichen. Seit fast zehn Jahren hatte ich den Wunsch, eine solche Ikone anfertigen zu lassen und in meinem Büro an der Wand aufzuhängen. Nun ist dieser Wunsch endlich in Erfüllung gegangen.

Die Ikone „Christus und Abbas Menas“, auch als „Ikone der Freundschaft“, zählt zu den bedeutendsten Werken der koptischen Kunst. Sie entstand im 6. Jahrhundert n. Chr. und wurde im Jahr 1900 vom französischen Ägyptologen Jean Clédat bei Ausgrabungen des Apollon-Klosters von Bawit aufgefunden. Vermutlich war sie ursprünglich für eine Wandnische bestimmt, wie es häufig in den Kapellen ägyptischer Klöster der Fall war. Das Original wird heute im Louvre in Paris aufbewahrt. Durch die Begegnungen von Taizé ist die Darstellung vielen Menschen noch bekannter geworden.

Nun möchten wir diese Ikone genauer betrachten, um wichtige Aspekte für unser Leben zu gewinnen.

Es sind zwei Menschen nebeneinander abgebildet, Christus und Abt Menas (†295), einer der beliebtesten heiligen der koptischen Kirche in Ägypten. Die Beschriftung rechts und links am oberen Bildrand verrät, wer auf dem Bild dargestellt ist: Abt Menas, bezeichnet als „Vater“ und rechts Jesus Christus, bezeichnet als „ΣΩΤΗΡ“, der Retter.

Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, stehen eng beieinander und blicken gemeinsam nach vorn. Die etwas größere Gestalt auf der rechten Seite ist Christus. Liebevoll hat er seinen rechten Arm um Menas gelegt; seine Hand ruht auf dessen Schulter. Die Initiative zu dieser Geste geht von Jesus aus. Sie drückt geistliche Nähe, tiefe Verbundenheit und Freundschaft aus. Zugleich ist sie ein Zeichen der Ermutigung und Stärkung – eine Geste, die Kraft schenkt und Zuversicht vermittelt.

Christus und Menas schauen einander dabei nicht an. Ihre Blicke sind nach vorn gerichtet. Sie stehen sich nicht gegenüber und umarmen sich auch nicht wie ein Liebespaar. Vielmehr erinnert die Szene an einen großen Bruder, der dem Jüngeren die Hand auf die Schulter legt, ihm Rückhalt gibt und ihm Mut zuspricht.

Diese Ikone ist reich an Symbolen, die auch für alle Christen wegweisend sein können. Besonders auffällig sind zunächst die großen Heiligenscheine, die die Häupter beider Figuren umgeben. Der Heiligenschein Christi ragt dabei etwas hervor und wird zusätzlich durch das Erlösungszeichen des Kreuzes hervorgehoben. Dieses Kreuz leuchtet in hellen Farben und verweist auf das innere Licht der Erlösung, das von Christus ausgeht. In seinem linken Arm hält Jesus ein kostbares, reich verziertes Evangeliar. Es steht für das Wort Gottes, für das Evangelium, die Frohbotschaft, ja für die aufgeschriebene Geschichte seines Lebens. Dieses Buch erzählt davon, was Jesus lehrte und tat, wofür er lebte und schließlich sein Leben hingab.

Auch jeder von uns trägt seine eigene Lebensgeschichte in sich – mit ihren vielen Facetten, mit reichen Schätzen an Erfahrungen, mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Herausforderungen. Für Menas bestand die große Aufgabe darin, sein Leben am Evangelium auszurichten und in Christus zu bleiben. Als Christ, Mönch und Abt in einer heidnisch geprägten Umgebung bemühte er sich, dieses Ideal glaubwürdig zu leben und zu verwirklichen.

Auch wir sind aufgerufen, nicht müde zu werden, in Christus zu bleiben – als Menschen, als Christen und als Diakone und Priester. Denn er selbst hat uns verheißen: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt“ (Joh 15,4).

Wer in Christus bleibt, findet Halt und Orientierung. Aus dieser lebendigen Verbindung erwachsen Kraft, Hoffnung und die Fähigkeit, Frucht zu bringen – für das eigene Leben und für die Menschen, die uns anvertraut sind.

Auffällig ist auch, dass Christus und Menas keine Schuhe tragen. Barfuß zu gehen kann beschwerlich und schmerzhaft sein, besonders auf einem holprigen Weg. Dennoch richten beide ihren Blick nicht auf den Boden vor ihren Füßen, sondern in die Ferne. Ihre Augen sind auf ein Ziel ausgerichtet, das über den gegenwärtigen Augenblick hinausweist.

Das Barfußsein besitzt dabei eine vielschichtige Symbolik. Es steht einerseits für Einfachheit, Leichtigkeit und Armut, andererseits für Bodenständigkeit und Wirklichkeitssinn. Wer barfuß geht, spürt den Boden unmittelbar unter sich und ist auch „geerdet“. Trotz aller Unebenheiten stehen Christus und Menas fest auf dem Boden. In der Freundschaft mit Jesus ist Menas bereit, aufzubrechen, neue Wege zu gehen, sich senden zu lassen und sich ganz in den Dienst Gottes zu stellen.

Besonders eindrucksvoll sind auch die Augen Jesu. Sie sind weit geöffnet – die Augen eines Meisters und Wegkenners. Sie strahlen Klarheit, Entschlossenheit und innere Ruhe aus. Sein Blick wirkt zugleich wachsam und liebevoll. Auch die Augen des Menas sind weit geöffnet, doch sie scheinen fragend in die Ferne zu schauen, als suchten sie nach etwas, das noch vor ihnen liegt. Dennoch ist sein Blick nicht unruhig oder rastlos. Zugleich scheint er nach innen gerichtet zu sein, als ruhe er in einer tieferen Gewissheit. Bei Jesus und mit Jesus findet Menas Ruhe, Halt und Erholung. Gut sichtbar sind auch die Ohren des Menas, die ihn als einen Hörenden aufweisen – als einen Menschen, der auf Gottes Wort lauscht und sich von ihm formen lässt. Zugleich ist er einer, der den Segen weitergibt und zum Segen für andere wird.

Aus dieser altehrwürdigen Ikone und ihrer reichen Symbolsprache können auch wir wertvolle Impulse für unser Leben gewinnen. Die Christusfreundschaft, zu der sie uns einlädt, beginnt mit der Bereitschaft, die eigene Unvollkommenheit anzunehmen – ja, sie im Licht der göttlichen Liebe anzunehmen und zu bejahen. Wer sich so von Christus begleiten lässt, wird erfahren, dass selbst Krisen und Herausforderungen neue Wege eröffnen, zu mutigen Aufbrüchen anregen und zu tieferen Erfahrungen der Gegenwart Gottes führen können.